Eigentlich sollte die japanische Stargeigerin Midori am 3. Mai in der St. Bartholomäus-Kirche in Wesselburen den Brahms-Preis 2020 verliehen bekommen. Aufgrund der anhaltenden Coronakrise und dem damit verbundenen und jetzt verlängerten Veranstaltungsverbot findet der Festakt jedoch nicht wie geplant statt. „Wir bedauern die Absage und versuchen gerade mit Hochdruck einen Ersatztermin im Herbst zu finden,“ so der Vorsitzender der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein Joachim Nerger.

Kulturonkel Andreas Guballa hat mit dem Weltstar gesprochen.

Musikerin, Pädagogin und Kulturvermittlerin – die Geigerin Midori ist eine vielseitig engagierte Künstlerin. Foto Timothy Greenfield-Sanders

Wie geht es Ihnen? Sind Sie sicher und gesund?

Mir geht es gut, vielen Dank.

Was bedeutet die Auszeichnung mit dem Brahmspreis für Sie?

Ich fühle mich sehr geehrt, denn besonders das Brahms’ Violinkonzert und das Doppelkonzert für Violine und Cello sind für uns Streicher monumentale Werke. All’ seine Kompositionen sind sehr bedeutend, alle einzigartig und verschieden, und dennoch unbestreitbar typisch Brahms. Ich bedauere es sehr, den Preis nun nicht wie geplant im Mai entgegen nehmen zu können, und hoffe, dies so bald wie möglich nachzuholen.

Beim Preisträgerkonzert hätten Sie die A-Dur-Sonate op. 100 gespielt. Haben Sie eine besondere Beziehung zu dem Stück?

Gerade die A-Dur-Sonate ist wahrscheinlich die lyrischste seiner drei Sonaten für Violine und Klavier. Sie spiegelt Brahms’ Persönlichkeit wider – seine Schüchternheit und Selbstbeobachtung, seine Originalität und seine Intensität; manchmal alles auf einmal. Die Komposition versetzt den Hörer in die private Welt seines Schöpfers.

Seit Ihrer frühesten Kindheit spielen Sie Geige. Gibt es ein Stück, das sich wie ein roter Faden bis heute durch Ihr Leben zieht?

Ich habe immer Geige gespielt und erinnere mich nicht, wann genau ich anfing, mir der klassischen Musik bewusst zu werden. Sie war immer da. Ein Teil meiner Karriere besteht darin, dass ich verschiedene Arten klassischen Repertoires von der Bach bis zum Neuen Musik erforschen konnte. Und das hält mich stets neugierig.

Neben ihren Auftritten in aller Welt engagieren Sie sich auch als passionierte Musikpädagogin und internationale Kulturvermittlerin, haben Ihre eigenen Stiftungen und kooperieren mit verschiedenen Non Profit Organisationen. Warum ist Ihnen dieses Engagement so wichtig und worin besteht Ihre Aufgaben?

Ich betrachte es als etwas ganz Besonderes in meinem Leben, mit Gleichgesinnten, Menschen Musik näher zu bringen, die möglicherweise keinen anderen Zugang dazu haben, oder Musik als Bestandteil einer umfassenden Bildung zu integrieren. Musik muss in allem eine wichtige Rolle spielen. Ich bin in vielen verschiedenen Funktionen unterwegs, einmal durch meine Stiftungen, dann als Friedensbotschafterin der Vereinten Nationen und auch privat. Schlussendlich kann ich meinen Einfluss überall ausüben, sei es im Konzertsaal, wenn ich Schüler unterrichte, oder wenn ich für eine der Organisationen, die ich gegründet habe, aktiv bin. Menschen zu zeigen, wie man Musik in verschiedene Gesellschaftsschichten bringen kann und zu Personen mit unterschiedlichen persönlichen Fähigkeiten, wirtschaftlichen Hintergründen und sozialer Herkunft, genieße ich sehr.

Als Professorin unterrichten Sie auch den musikalischen Nachwuchs. Was lernen die Studenten bei Ihren?

Das ist sehr individuell und für jeden Einzelnen anders. Ich unterrichte nicht nach einer Formel, denn jeder Schüler ist anders. Ich unterrichte am Curtis Institute of Music in Philadelphia und arbeite sehr gerne mit meinen Schülern zusammen. Es ist eine Entdeckungsreise für jeden von ihnen. Und sie in dem Prozess, den sie durchlaufen, wenn sie ihre Beziehung zur Musik entdecken, zu unterstützen, empfinde ich als sehr ehrenwerte und wichtige Aufgabe in meinem Leben.

Sie sind nicht nur Geigerin, sondern haben auch Psychologie studiert. Würden Sie sich wünschen, dass alle Künstler so vielseitig sind und nicht nur Musik machen?

Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass Musiker ihren Horizont erweitern und sich auch mit anderen Dingen beschäftigen. Mir hat das Studium der Psychologie den Horizont wirklich geöffnet und geholfen, mich besser zu organisieren: meine Zeit, meine Gedanken und Ideen, wie man verschiedene Informationen untersucht, wie man sie analysiert und wie man Dinge zusammensetzt. Bei mir hat es funktioniert.

Sie sind so vielseitig engagiert. Wie bringen Sie das alles zeitlich in Einklang?

Mir gefällt die Arbeit, die ich in all diesen verschiedenen Bereichen, in denen ich involviert bin, ausüben kann. Jedes Projekt inspiriert die anderen und sie dienen als Motivation für neue Projekte. Und irgendwie findet sich immer die Zeit dafür.

Kommen Sie dabei überhaupt noch zum Üben?

Ich übe ziemlich konsequent und regelmäßig. Das ist meine heilige Zeit, in der mich niemand stören darf.

Das Coronavirus verändert momentan das Leben aller Menschen. Wie kommen Sie mit der Situation zurecht?

Ich wohne momentan im Haus meiner Mutter in New York und gehe nur vor die Tür, um die notwendigsten Dinge zu erledigen. In meinem eigenen Apartment bin ich seit sechs Wochen nicht gewesen. Seit drei Wochen sind wir verpflichtet Online-Vorlesungen abzuhalten und nicht darauf zu warten, bis sich ein normaler Lehrbetrieb einstellt. Die meisten meiner Schüler sind zur Zeit in Asien, weil sie das Land nicht verlassen dürfen. Deshalb unterrichte ich wegen der Zeitverschiebung oft sehr spät in der Nacht oder am frühen Vormittag. Außerdem nutze ich die Ausgangssperre zum Üben, zum Lesen, zum Schreiben oder zum Telefonieren mit Freunden.

Viele Kollegen nutzen die Krise und streamen Wohnzimmerkonzerte im Internet. Ist das für Sie eine Option, um mit Fans und Freunden in Kontakt zu bleiben?

Mir fehlen im Haus meiner Mutter dafür leider die technischen und räumlichen Möglichkeiten. Aber ich habe mit Hilfe von Freunden übers Internet kurze Animationsfilme für Kinder entwickelt, die über das Coronavirus und die wichtigsten Hygieneregeln informieren sowie Tipps geben, was man zu Hause machen kann. Diese sind auf youtube zu sehen. Außerdem plane ich gerade mit ehemaligen, langjährigen Studenten ein Online-Klassentreffen, das wir in einigen Wochen abhalten wollen. Es gibt also mindestens eine positive Sache in der Krise, die Menschen online zusammenbringt.

Ende Mai hätten Sie das zweite Violinkonzert von Detlev Glanert uraufführen sollen – eine Weltpremiere im Auftrag des NDR. Können Sie etwas über das Stück und Ihre Beziehung zur zeitgenössischen Musik sagen?

Das Violinkonzert Nr. 2 von Detlev Glanert basiert auf den Briefen von Beethoven, die er an ‘Die Unsterbliche Geliebte’ geschrieben hat. Ich arbeite gerade jeden Tag daran. Es ist wunderschön, aufregend und sehr dramatisch. Es vermittelt ein Gefühl von beinahe opernhaftem Drama. Es besteht aus drei Sätzen mit zwei Kadenzen dazwischen und hat die gleiche Besetzung wie ein Beethoven-Violinkonzert. Ich bedaure es sehr, es im Mai nicht wie geplant uraufführen zu können.

Meine Beziehung zur Neuen Musik reicht viele Jahre zurück. Ich habe es immer genossen, Komponisten kennenzulernen, die quasi Kollegen sind, um mit ihnen zusammenzuarbeiten, ihre Stücke zu spielen, mit ihnen neue Klänge und Sprachen zu erkunden sowie neue Sichtweisen auf unsere Instrumente zu entdecken.

Wann glauben Sie, wieder auf der Bühne stehen zu können?

Das kann momentan niemand sagen. Die Zahl der Infizierten in den USA, insbesondere in New York, steigt täglich dramatisch. Wir müssen abwarten, wann die Behörden die Kontakt- und Ausgangssperre aufheben.

Was machen Sie als erstes, wenn alles vorbei ist?

Der gesellschaftliche Erholungsprozess, der hoffentlich sehr bald eintreten wird, wird für alle schmerzhaft und nicht reibungslos verlaufen – weder in psychischer, spiritueller, gesundheitlicher noch finanzieller Hinsicht. Es gibt viele Menschen, die ihren Job oder Angehörige verloren und großes Leid erlebt haben. Ich möchte den Menschen etwas zurückgeben, die während der Krise unermüdlich geholfen haben, dieses Leid zu lindern. Und zwar durch meine Musik, zum Beispiel durch Live-Auftritte. Dafür möchte ich mich fit halten und das ist meine Motivation, jeden Tag fleißig zu üben.

Info:

Die Eintrittskarten für die Brahms-Preisverleihung behalten vorerst ihre Gültigkeit und können auch noch nach dem 3. Mai umgetauscht werden, sollte der Ersatztermin nicht wahrgenommen werden können. Die Brahms-Gesellschaft bittet eindringlich darum, mit der Rückgabe der Karten bis dahin zu warten. Die Brahms-Gesellschaft wird in den kommenden Tagen prüfen, ob und unter welchen Bedingungen die weiteren Veranstaltungen der Brahms-Wochen stattfinden können.

Zur Person:

Die 1971 im japanischen Osaka geborene Midori gehört zu den herausragenden Geigerinnen unserer Tage und ist eine viel beachtete internationale Kulturbotschafterin und passionierte Musikpädagogin. 2007 ernannte sie der UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon zur Botschafterin des Friedens. Seit ihrem Debüt im Alter von elf Jahren mit dem New York Philharmonic und Zubin Mehta arbeitete Midori mit den großen internationalen Orchestern und wichtigen Musikern zusammen und berührt seitdem das Publikum mit ihrem höchst präzisen und intensiven Spiel.