Eigentlich ist der Kontrabass ein Instrument, mit dem man selten im Rampenlicht steht, und den meisten Menschen eher als Begleitinstrument in Musikgenres wie Jazz, Folk und natürlich Klassik bekannt. Ödön Rácz, Solokontrabassist der Wiener Philharmoniker und international gefragter Solist, hat es geschafft, aus den hinteren Reihen des Orchesters hervorzutreten und die Aufmerksamkeit auf sich und Ihr übergroßes Instrument zu ziehen.

Kontrabassist Ödön Rácz. Foto Lukas Beck

Eigentlich ist der Kontrabass ein Instrument, mit dem man selten im Rampenlicht steht, und den meisten Menschen eher als Begleitinstrument in Musikgenres wie Jazz, Folk und natürlich Klassik bekannt. Wie sieht es mit Solo-Repertoire aus?

Es gab und gibt viele Komponisten, die sehr gute Solostücke für den Kontrabass geschrieben haben, nur leider sind die meisten unbekannt. Auch führt das Instrument auf der Bühne ein Schattendasein, im Orchester ist es stets ein Außenseiter: je nach Aufstellung – der deutschen oder der amerikanischen – links am Rand oder rechts am Rand. Dabei ist er durchaus beweglich, kann singen und sogar tanzen. Und dass es wunderbare Stücke für den Kontrabass mit Klavier- oder Kammermusikbesetzung oder sogar mit ganzem Orchester gibt, wissen nur wenige.

Woran liegt das?

Der Kontrabass hat Jahrhunderte gebraucht, um sich weiterzuentwickeln. Das Instrument gehört nicht zur Geigenfamilie, wie viele Leuten denken, sondern zur Viola Da Gamba, die mit der Französischen Revolution in Vergessenheit geraten ist, denn sie war das Instrument der absolutistischen Könige und für Musik im Salon und im Zimmer ausgerichtet. Der endgültige Vorgänger des heutigen Instruments entstand um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts kam der dreisaitige Kontrabass außer Gebrauch und der viersaitige trat an seine Stelle. Der Hauptgrund lag in der Ausbreitung der Klangskala des romantischen Orchesters vor allem in der Tiefe. Richard Wagners „Rheingold“ war später der Anlaß, den Kontrabass mit einer fünften Saite zu versehen.

Sie kennen die Klänge des Kontrabasses von Ihrer frühesten Kindheit an. Ihr Vater, Groß- und Urgroßvater waren Kontrabassisten, auch Ihr Bruder spielt das Intrument. Gab es je eine Alternative ein anderes Instrument oder sogar einen anderen Beruf zu lernen?

Ich wollte immer schon Kontrabass spielen im Gegensatz zu meinen Eltern. Sie hatten mir zuerst eine Geige gekauft, die ich schon nach einer halben Stunde zerbrochen habe. Dann habe ich ein Cello bekommen, aber auch schnell die Lust daran verloren. Sie müssen sich vorstellen: wir hatten zuhause mehr Kontrabässe als Stühle. Und statt Familienfotos hingen Gemälde mit Kontrabässen an der Wand. In diesem Umfeld konnte nur ein Kontrabassist aus mir und meinem Bruder werden.

Was fasziniert Sie am Instrument?

Dieser wunderbare, unvergleichliche Klang. Sein Tonspielraum ist so reich an Facetten wie sonst nur die menschliche Stimme: mal sanft, zart und fein, aber auch enorm brutal und aggressiv, vom tiefen Bass bis hin zu tenoralen Höhen. Ich bin einfach verliebt in diesen Klang.

Seit zehn Jahren sind Sie Solo Kontrabassist bei den Wiener Philharmonikern. Dort sind Sie ‘nur’ eines von rund 130 Mitgliedern. Was schätzen Sie an dem Klangkörper?

Jedes Konzert ist eine große Überraschung, denn wir haben keinen Chefdirigenten und wechseln bei jedem Abo-Konzert. So arbeiten wir pro Jahr mit 15 bis 20 verschiedenen Dirigenten zusammen, die jeder auf ihre Weise anders sind. Gerade haben wir mit Riccardo Muti Beethoven und Strawinsky gespielt und proben jetzt mit Andris Nelsons das Neujahrskonzert. Das ganze Jahr mit dem selben Dirigenten zu spielen, wäre für mich persönlich sehr schwierig.

Wie viele Ihrer Kollegen sind Sie zusätzlich als Solist unterwegs. Sind Sie mit dem Orchesterjob nicht ausgelastet?

Einseitigkeit ist für mich langweilig. Daher genieße ich es, sowohl als Orchestermusiker wie als Solist arbeiten zu können. Das ist für mich zum Ausgleich sehr wichtig. Wenn ich nicht als Solist herumreise, genieße ich es, in der Gruppe zu spielen. Weil der Druck weg ist, den man sich selber macht, wenn man allein auf der Bühne steht. Außerdem liebe ich es zu experimentieren und versuche auch immer, andere Wege zu gehen. So habe ich das Kammermusikensemble „Philharmonix“ mitgegründet, sieben Musiker aus den Reihen der Wiener und Berliner Philharmoniker, mit denen ich alles von Klassik über Gypsy, Volksmusik und Klezmer bis Latin Jazz spiele.

Wie haben Sie es geschafft, aus den hinteren Reihen des Orchesters hervorzutreten und die Aufmerksamkeit auf sich und Ihr übergroßes Instrument zu ziehen?

Ich habe das Instrument immer ernst genommen und von den größten Musikern der Geschichte wie Pablo Casals und David Oistrach gelernt. Dabei habe ich nie aufgegeben für das Instrument zu kämpfen, auch wenn während meiner Karriere die Türen nicht immer offen standen. Viele Konzertveranstalter haben mich abgewiesen, weil sie mit dem Kontrabass als Soloinstrument nichts anfangen konnten. Daher habe ich viele Solo-CDs aufgenommen, um ihnen die Möglichkeiten des Instruments demonstrieren zu können. Ich hatte die große Ehre, dass ich als Solist mehrfach das Vanhal-Konzert mit den Wiener Philharmonikern gespielt habe. Viele Kollegen sahen das als ein gutes Beispiel dafür, dass man auch mit dem Kontrabass alles schaffen kann. Mein Rezept ist: einfach weiter kämpfen und nie aufgeben.

CD-Tipp: My Double Bass – Konzerte von Bottesini, Piazolla, Rota. Deutsche Grammophone