Martin Grubinger gehört zu den weltweit bekanntesten Schlagzeugern – zu seiner Karriere hat auch das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) maßgeblich beigetragen. Seit fast 20 Jahren ist das Festival fester Bestandteil seines Sommers und spätestens seit den 16 Konzerten, die er 2015 als Porträtkünstler gab, dürfte er in ganz Schleswig-Holstein eines der bekanntesten Gesichter der Festivalfamilie sein. Nach seinem Konzert bei der Fernsehübertragung des Festivalauftakts am 5. Juli kommt er nun mit seiner explosiven Percussion-Show “Drums on Wheels” auf ungewöhnlicher Showbühne zurück zum „Sommer der Möglichkeiten“.

Percussionist Martin Grubinger. Copyright: Olaf Malzahn

Sie sind einer der Künstler, die beim „Sommer der Möglichkeiten“ dabei sind, um wenigstens ein bisschen Kultur unters Volk zu bringen. Wie war es beim Festivalauftakt nicht vor Publikum, sondern in der leeren Konzertscheune von Hasselburg seine Sticks zu schwingen?

Das war schon ein spezielles Gefühl. Ich war vor zwei Jahren mit einem ähnlichen Programm in Hasselburg zu Gast. Dort trifft man dann vor und nach dem Konzert das Publikum, man kennt die Beiräte und Veranstalter. Das hat schon einen sehr familiären Charakter. Und plötzlich steht man ganz allein in dieser Riesenscheune und spielt nur vor einem Kamerateam. Aber ich habe es trotzdem genossen. Das SHMF ist für mich wie eine Festivalfamilie, zu der man nach Hause kommt. Es war für mich eine große Freude, zumindest einen kleinen Beitrag zum „Sommer der Möglichkeiten“ leisten zu dürfen.

Seit fast 20 Jahren ist das SHMF fester Bestandteil Ihres Sommers. Was zeichnet für Sie das Festival aus?

Meines Erachtens kommen hier mehrere Dinge zusammen: zum einen Exzellenz und Weltklasse – die Künstler, die beim Festival im Programm stehen, sieht man sonst nur bei den Festspielen in Salzburg, Luzern oder Aix oder vielleicht noch in Grafenegg. Das Publikum hat tatsächlich die Möglichkeit, die Besten der Besten mit wunderbaren Programmen zu hören und mit den Künstlern ins Gespräch zu kommen. Zum anderen bekommen die Künstler ein direktes Feedback, denn das Publikum in Schleswig-Holstein ist sehr direkt.

Hinzu kommt, wenn man solange dabei ist wie ich, dass man die Beiräte an den einzelnen Standorten schon kennt und man die verschiedenen Programme der letzten zwanzig Jahre diskutieren und vergleichen kann. Das ist ein sehr schönes, familiäres Gefühl. Auch mit den Programmverantwortlichen macht es Vieles einfacher, wenn man sich solange kennt, denn man kann vom ersten Anruf gleich in die Tiefe gehen und neue Ideen entwickeln. Deshalb ist das SHMF neben den Abo-Auftritten im Wiener Konzerthaus ein wichtiger Termin in meinem Konzertkalender.

Das heißt, Sie mussten nicht lange überlegen, als Christian Kuhnt Sie fragte, ob Sie beim „Sommer der Möglichkeiten“ dabei sind?

Überhaupt nicht. Es ist für mich eine Ehre, wenn man gefragt wird, wie man den Menschen vor Ort trotz der derzeitigen Situation eine musikalische Freude bereiten kann. Wenn man beim Festival meint, ich kann dabei einen substanziellen Anteil leisten, ist das eine große Auszeichnung. Daher habe ich gerne zugesagt.

Sind dann sofort die Ideen losgesprudelt, was man machen könnte?

Wir mussten ja ganz andere Dinge wie ursprünglich geplant entwickeln. So können wie jetzt aber eine Idee verwirklichen, die schon lange in mir schlummerte. Ich komme mit zwei LKW nach Schleswig-Holstein, die randvoll mit Musikinstrumenten gefüllt sind, und gebe auf der Ladefläche Platzkonzerte. Normalerweise kommt man ja am Festivalspielort an, fängt morgens um acht Uhr mit dem Aufbau an und kann dann irgendwann abends das Konzert spielen. Bei den Truck-Konzerten vergehen von dem Moment, wo wir ankommen, bis zu dem Moment, wo wir spielen nur 30 Minuten und wir können uns ganz schnell von einem Ort zum nächsten bewegen. So erreichen wir viele Leute, können ganz direkt unsere Musik machen und haben außerdem die Möglichkeit, ganz neue Dinge auszuprobieren. Ferner ist es mir wichtig, mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Ich kann mit den Leuten tatsächlich die Programme, die Musik, das gesellschaftliche Umfeld, den derzeitigen Lebensstil trotz Corona besprechen; man trifft auf Freunde und viele Bekannte. Ich denke, es wird musikalischer Urlaub für mich.

Was darf das Publikum musikalisch erwarten?

Ganz wichtig für mich ist, dass es nicht nur ein leichtes Sommernachtsprogramm ist, sondern dass wir auch das ein oder andere anspruchsvolle Werk dabei haben. So wird es ein Stück von Johannes Maria Staud geben, dass wir bei diesen Truck-Konzerten zum allerersten Mal spielen. Gleichzeitig machen wir natürlich Musik von Maki Ishii, Keiko Abe und Iannis Xenakis, aber auch neue Dinge wie Keith Jarrett, Astor Piazzolla und die Uraufführung eines Stücks von meinem Vater. Das heißt, wir haben ein 60- bis 70-minütiges Programm mit ein paar Klassikern, die man in Schleswig-Holstein schon einmal gehört hat, aber auch ganz neue Kompositionen und Arrangements.

Für jemanden, der die Schlagzeug-Sticks schneller zieht als sein eigener Schatten, war der kulturelle Lockdown sicher nicht einfach. Wie haben Sie die Zeit seit Anfang März erlebt?

Das war schon schwierig. Ich bin aus Singapur zurückgekommen und vom Flughafen direkt ans Mozarteum gefahren, wo ich unterrichte. Während meines Unterrichts kam plötzlich jemand aus der Administration des Hauses und sagte: Sie müssen sofort nach Hause in Quarantäne. Das war schon einmal der erste Schock. Ich hatte in der darauffolgenden Woche drei Konzerte mit den Israel Philharmonic Orchestra geplant und dachte, dann fliege ich eben früher nach Israel und bereite mich mit dem Orchester auf die Konzerte vor. In dem Moment, in dem ich das plane, bekomme ich die Nachricht vom Lockdown in Israel, also dass die Grenzen dicht gemacht werden und niemand mehr reinkommt. Dann, muss ich gestehen, hatte ich einen Moment lang den Gedanken: vielleicht ist es für mich eine gute Gelegenheit, um mal durchzuatmen und mit meiner Familie ein bisschen Zeit zu verbringen, einfach mal zur Ruhe zu kommen. Ich hatte mit drei Wochen gerechnet; aber je länger es dauerte, desto mehr habe ich ein Gefühl dafür bekommen, was die Situation für uns Künstler bedeutet. Mittlerweile glaube ich, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor. Die Einschnitte werden noch viel tiefgreifender sein als wir heute vermuten und es ist zu befürchten, dass wir ganz große soziale Verwerfungen, auch in der Künstlerszene erleben werden müssen.

Man dachte eigentlich, das Veranstaltungsverbot würde die Kulturbranche stilllegen. Stattdessen ging das Netz über mit Kunst. Hätten Sie gedacht, dass so viel Energie in der Szene steckt?

Es ist tatsächlich beeindruckend zu sehen gewesen, was sich einzelne Künstler haben einfallen lassen. Aber auch, wie kreativ die Konzertveranstalter sind und waren mit besonderen Streamingprogrammen, mit Angeboten, Workshops und diversen Seminaren. Ich habe sehr viel online unterrichtet und festgestellt, dass man tatsächlich vieles auch genauso gut im Netz machen kann. Vielleicht kann man sich die eine oder andere Autofahrt, die wir bisher immer als selbstverständlich genommen haben, zukünftig sparen. Andererseits spüre ich auch, dass dieser Lockdown sehr viel Kraft gekostet hat und dass das Comeback bei dem einen oder anderen gar nicht so leicht ist. Ich habe letzte Woche mit meinen Kollegen von Percussive Planet geprobt und gemerkt, dass der ein oder andere auch wirklich mitgenommen ist – mental, aber auch was die Energie betrifft. Ich glaube, dass wir auch darauf ein Augenmerk haben und uns um diese Leute kümmern müssen. Es ist nicht nur eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens für viele Kolleginnen und Kollegen, sondern es geht da auch um eine psychische Komponente, auf die wir achtgeben müssen.

Sie haben die Krise aber auch genutzt, um Ihr politisches Bewusstsein zu schärfen und plädieren heute für eine Neuausrichtung des globalen Kulturbetriebs. Was sind Ihre Ideen dazu?

Ich habe mir mal die Konzertprogramme österreichischer Veranstalter angeschaut und mich gefragt, muss es tatsächlich sein, dass wir dieses Jetset-Künstlerleben einfach so weitermachen? Ist es notwendig, dass Orchester viele tausende Kilometer fliegen mit vielen hundert Musikern und eine Mahler-Sinfonie in Wien spielen, obwohl man vor Ort Orchester hat, die Mahler ganz wunderbar interpretieren? Ich glaube, dass wir uns wieder auf eine neue Regionalität besinnen sollten; dass es in Hamburg, in München, in Paris und in Wien überall wunderbare Musikerinnen und Musiker gibt, die den Kulturauftrag an sich vor Ort sehr gut erfüllen können. Ich glaube, dass wir gewisse Grenzen überschritten haben. Ich glaube nicht, dass es notwendig ist, dass wir dieses Jetset-Künstlerleben weiterhin so führen und alle immer und überall mit ihren Programmen vertreten sein müssen. Und wenn doch, dann mit speziellen Programmen, mit etwas Innovativem oder ganz besonders Kreativem, etwas dass Musiker oder Orchester vor Ort so nicht darstellen können – dann ist es legitim. Ich glaube, dass dieser Tourneeprogrammmodus an ein Ende kommen wird.

Würde Ihnen da nicht der Austausch mit anderen internationalen Musikern und Komponisten fehlen? Braucht Kunst nicht Einflüsse aus aller Welt?

Absolut. Bitte halten Sie mich nicht für überheblich, aber ich glaube, dass es legitim ist, das zu machen, was wir machen, weil wir etwas Programmatisches tun, was es so in der Art sonst nicht gibt. Was ich meine, ist, dass man eine neue Regionalität verbinden muss mit mehr Kreativität. Dass sich Orchester und Solisten programmatische Dinge überlegen, die es rechtfertigen und es einzigartig machen. Das wünsche ich mir. Dass man in Zukunft viel mehr darauf achtet, was man mit auf Tournee nimmt. Dass man sich seiner eigenen Tradition, egal woher man kommt, bewusst wird und daraus Neues entsteht. Das hat dann meines Erachtens auch viel mehr Legitimität, in die Welt mitgenommen zu werden.

Was für Erkenntnisse nehmen Sie noch mit aus der Coronakrise?

Ich habe festgestellt, wie wichtig es ist, Zeit mit der Familie zu verbringen. Das habe ich sehr genossen. Mit meinem Sohn habe ich jeden Tag zwei, drei Stunden homeschooling gemacht und gemerkt, das ist voll mein Ding, das hat total viel Spaß gemacht. Das würde ich gern weiter verfolgen. Gleichzeitig merke ich schon, dass Corona für uns Künstler keine ganz einfache Zeit war. Sehr viele positive Dinge nehme ich nicht mit. Ich denke, dass es gut wäre, wenn wir jetzt bald wieder vor Publikum musizieren dürfen, um auf der Bühne die Emotionen, die Begeisterung und Leidenschaft, die wir für die Musik haben, mit dem Publikum teilen können.

Termine

Zwischen dem 8. und dem 14. August sind Grubingers Platzkonzerte an verschiedenen Orten in Schleswig-Holstein zu Gast. Die genauen Konzerttermine und -orte sowie Informationen zu Tickets werden auf der SHMF-Website shmf.de/sommer bekannt gegeben.

Ticketinformationen

Aufgrund der aktuellen Hygienebestimmungen ist die Dauer der Konzerte auf 60 Minuten beschränkt. Um das Publikum bestmöglich zu schützen, wird ausschließlich eine sogenannte Duo-Karte angeboten, die die Einhaltung des Mindestabstands zu den Sitznachbarn gewährleistet. Diese Eintrittskarte ermöglicht es dem Kunden jedoch, kostenfrei eine Begleitung in das Konzert mitzunehmen. Eine Duo-Karte gilt somit grundsätzlich für zwei nebeneinanderliegende Sitzplätze. Pro Kunde können maximal zwei Duo-Karten pro Konzert erworben werden. Ermäßigungen sind bei der Duo-Karte nicht möglich. Es wird keine Gastronomie angeboten, zu jeder Duo-Karte werden vor Ort jedoch zwei Laugengebäcke und zwei Flaschen Wasser kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Die Kartenbuchung ist online unter www.shmf.de und telefonisch über 0431 23 70 70 möglich. Eine Abendkasse gibt es nicht.