„Die Demokratie ist in Gefahr“, sagen die einen. „Wir leben in keiner Demokratie“, sagen die anderen. Es ist Zeit, mal darüber zu sprechen. In seinem neuen Programm geht Kabarettist Lutz von Rosenberg Lipinsky diesen Fragestellungen am Sonnabend im Elbeforum an die Wurzeln. Er recherchiert, er stellt dar, aus und bloß – und die Systemfrage: Wozu Demokratie? Der Kulturonkel hat mit dem Wahl-Hamburger gesprochen.

Politkabarettist statt Pastor: Lutz von Rosenberg Lipinsky. Foto Agentur

Endlich dürfen die Theater wieder öffnen und Sie kommen mit Ihrem aktuellen Programm „Demokratur“ nach Brunsbüttel, das aktueller nicht sein könnte in Zeiten von Corona-Verschwörung, Gewaltausbrüchen in Stuttgart, der „Black Lives Matter“-Bewegung in den USA und der Beobachtung der AFD durch den Verfassungsschutz. Worum geht es in Ihrem Programm?

Viele Menschen glauben tatsächlich, dass sie nicht in einer Demokratie leben und schwurbeln von Lügenpresse und von Verschwörungstheorien. Man hat in den letzten Monaten ja ganz wunderbar vorgeführt bekommen, wie man Bill Gates, die Mobilfunk-Technologie 5G und die Firma Hyundai mit dem Coronavirus unter einen Deckel bekommen kann. Es ist für einen Kabarettisten natürlich großartig, wie manche sich da die Welt zurecht konstruieren. In meinem Programm geht es darum zu erklären, was Demokratie eigentlich ist, und ob es wirklich Belege gibt, dass wir keine haben. In diesem Themenfeld bewegt sich das Programm. Das klingt zwar ernst, aber keine Sorge: es macht Spaß und es gibt eine Menge zu lachen.

Warum gibt es so viele Demokratie-Leugner?

Wir haben einfach zu viele schlechte Verlierer. Menschen, die behaupten, wir leben in keiner Demokratie, weil sie ihren Willen nicht kriegen. Und dann sind sie beleidigt und eingeschnappt. Das ist natürlich sehr kontraproduktiv. Man muss schon akzeptieren, wenn andere anderer Meinung sind. Und man darf auch nicht behaupten, die Meinungsfreiheit werde beschnitten, nur weil einem widersprochen wird. Das ist beides leider eine falsche Prämisse.

Sie sind studierter Theologie. Wie sind Sie zum Kabarett gekommen?

Dass ich kein Pastor geworden bin, hat tatsächlich erst einmal damit zu tun, dass ich zu einer Zeit studiert habe, in der es schlechte Berufschancen für Pastoren gab. Es gab damals eine Theologenschwemme – worüber man heute nur noch lachen kann – und sehr lange Wartezeiten, um überhaupt nach dem Studium in Amt und Würden zu kommen. Das war mir, ehrlich gesagt, zu mühsam. Zum anderen hat mich das Kabarett immer schon begeistert, weil es eben eine wunderbare Mischung ist aus Moral und Intellekt, aber auch Anarchie und Spiel. Diese Begeisterung hat sich dann zum Glück auch durchgesetzt.

Der Kollege Dieter Nuhr hat im letzten Jahr in einem Spiegel-Interview gesagt, dass man als politischer Kabarettist schnell unter die Räder kommen kann. Wie sehen Sie das?

Das stimmt so überhaupt nicht. Es ist keineswegs so, dass man seine Meinung nicht mehr sagen dürfte. Gerade auf der Bühne und im Kabarett ist es absolut legitim und gewünscht, zu provozieren und Tabus zu brechen. Vielleicht ist man auch schlau und löst das Ganze künstlerisch wieder auf. Da gibt es überhaupt keine Probleme.

Wenn man eine gewisse Prominenz hat und vielleicht auch das Fernsehen primär bedient, dann kann es natürlich sein, dass es entsprechenden Gegenwind im Netz gibt. Vielleicht hat das Problem auch an einer ironischen Brechung gelegen, die nicht richtig funktioniert hat. Oder man hat einfach dummes Zeug erzählt. Aber künstlerische Freiheit haben wir allemal.

Im letzten Jahr ist in der Ukraine der Satiriker Wolodymyr Selenskyj Präsident geworden. Wäre das eine Option für Sie bzw. sind Komiker die besseren Politiker?

Das ist ja nicht nur in der Ukraine so, sondern auch in Italien und in Reykjavik ist ein Clown Bürgermeister. Das ist schon eine richtige Welle. Andererseits machen an vielen Stellen Politiker uns Künstlern Konkurrenz, weil sie sich teilweise peinlicher und satirischer aufführen als wir. Wenn ich an die englische Regierung denke oder auch die US-amerikanische, kann man sagen: das ist in höchstem Maße bizarr. So gut kann niemand auf der Bühne spielen. Und umgekehrt ist es so, dass man vielleicht als Künstler doch eine Form von Intuition und Fähigkeit zur Vereinfachung hat, die es möglich macht zu sagen: wir könnten auch Politik. Ich wäre jedenfalls bereit dazu.

Viele Künstler haben die Zeit des Shutdowns der Theater für kreative Angebote im Internet genutzt, um Kontakt mit dem Publikum zu halten. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Ich konnte die Zeit sehr sinnvoll nutzen und habe zuhause alles gründlich geputzt, den Garten auf Vordermann gebracht, gestrichen und renoviert. Das war alles sehr sinnvoll. Jetzt ist aber alles fertig, und das ist okay. Künstlerisch ging es mir so wie den meisten Kollegen. Da war nicht viel zu holen, weil wir natürlich zunächst damit beschäftigt waren, uns zu organisieren, uns politisch und medial aufzustellen und zu äußern. Das war schon eine schwierige Phase, die auch noch nicht zu Ende ist. Das Künstlerische gerät da zunächst in den Hintergrund, wenn nicht nur die persönliche Existenz finanziell bedroht ist, sondern auch die der Familie. Ich habe trotzdem mit einem Buch begonnen, das nächstes Jahr erscheinen wird. Darin habe ich ein bisschen über die aktuellen Erlebnisse der letzten Monate geschrieben, die uns ja noch immer alle beschäftigen. Diese Fragestellungen sind auch ins Programm eingeflossen. Auf jeden Fall haben diese Monate am Ego von uns Künstlern gekratzt, da man das Gefühl hatte, der Letzte und Unwichtigste zu sein, der wieder arbeiten darf. Aber da scheinen wir jetzt ja ein bisschen voranzukommen, und das ist auch für die Wertschätzung ganz wichtig. Ich freue mich jetzt auf jeden Fall, endlich wieder vor Publikum auf der Bühne stehen zu können.

Lutz von Rosenberg Lipinsky: Demokratur
4.7., 20.30 Uhr: Elbeforum Brunsbüttel