„Der Sommer kann kommen“ – Das Schleswig-Holstein Musik Festival beginnt.

Einen Sommer voller Musik mit vielen Stars – auch jenseits der Klassik – verspricht das 36. Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) vom 3. Juli bis zum 29. August 2021.
Kurz vor Beginn an diesem Wochenende scheint möglich zu werden, was im Frühjahr noch ein optimistisches Hoffen war: Rund 180 Konzerte, fünf »Musikfeste auf dem Lande«, zwei Kindermusikfeste und ein Werftsommer in 79 Spielstätten an 51 Orten in Schleswig-Holstein, Hamburg, im Süden Dänemarks und im Norden von Niedersachsen. Ins Zentrum des Programms stellt das Festivalteam um Intendant Dr. Christian Kuhnt den Komponisten Franz Schubert und die Pianistin Hélène Grimaud.
Im Interview verrät der Kulturmanager was das Publikum erwartet.

Herr Kuhnt, das kulturelle Leben, wie wir es vor Corona kannten, erhält zunehmend wieder Einzug in unseren Alltag. In Schleswig-Holstein gehört im Sommer das SHMF unbedingt dazu. Mit welchen Gefühlen sehen Sie dem diesjährigen Saisonstart entgegen?

Es ist ein ganz besonderes Gefühl und Normalität ganz weit entfernt. Wir sind immer sehr euphorisch und voller Energie vor dem Start eines Festivals, aber in diesem Sommer schwingt auf der einen Seite Begeisterung mit, dass jetzt wieder so viel möglich scheint, auf der anderen Seite die dauerhafte Unsicherheit, ob alles so kommt, wie wir es geplant haben.

Wie stark wird sich das Festival in diesem Jahr von den Ausgaben vor der Pandemie unterscheiden?

Im Grunde ist es ein typisches Schleswig-Holstein Musik Festival: wir gehen hin zu den Menschen mit wunderbaren Künstlern und einem tollen Programm. Unser Markenzeichen ist ja, dass wir in die Fläche gehen und ungewöhnliche Spielorte entdecken. Anders wird in diesem Jahr sein, dass wir zwei Drittel der Konzerte unter freiem Himmel erleben werden und das Programm entsprechend angepasst haben.

Wie gut ist Ihr Draht zu Petrus, dass er uns einen trockenen Sommer beschert?

Einen besonders guten Draht nach oben zu haben, ist nicht notwendig. Ich bin jetzt seit 1990 in Norddeutschland – natürlich haben wir auch mal unbeständige Sommer erlebt, aber alles ist weniger schlimm als diese Situation, die durch Corona geprägt ist. Wir alle kennen das Wetter im Norden und unser Publikum wird sich darauf einstellen können. Gegen Nieselregen und den Wind kann man sich ja wunderbar schützen. Und dementsprechend rücken wir den Aspekt des Wetters nicht so sehr in den Vordergrund. Wenn es darum ginge zu entscheiden, Konzerte mit Wettergarantie oder keine Konzerte, dann würden sich sicher alle für ein Konzerte ohne doppelten Boden entscheiden. Wir hoffen aber natürlich auf schönes Wetter ähnlich wie bei der JazzBaltica am letzten Juniwochenende und ich bin optimistisch, dass wir auch an Regentagen wunderbare musikalische Erlebnisse genießen können. Der Sommer kann als kommen!

Eine der neuen zentralen Open Air Spielstätten ist die Philharmonie im Park von Gut Emkendorf. Durchaus auch von der Westküste einen Ausflug wert. Bisher ist die Spielstätte eher für die Musikfeste auf dem Land bekannt. Was haben Sie dort in diesem Jahr genau geplant?

Emkendorf ist immer eine Reise wert, ein kulturhistorischer Ort, an dem unter anderem Matthias Claudius einige Zeit verbracht hat, und viele andere bedeutende Menschen der Zeitgeschichte. Wir haben nach einem zentral gelegenen Ort gesucht, an dem wir eine große Bühne aufbauen können, die auch geeignet ist für große Sinfonieorchester. Diese Klangkörper brauchen ja immer viel Platz, und sie müssen wegen der Instrumente regensicher untergebracht sein. Das ist auf Gut Emkendorf der Fall. Mit einem riesigen Aufwand bauen wir eine stimmungsvolle Bühne dorthin und werden den Park dann in einen Konzertsaal verwandeln. Wir haben dort den großen Vorteil, dass wir 1500 Menschen mit Abstand begrüßen dürfen.

Monatelang waren die meisten der 160 Konzerte des SHMF ausverkauft. Durch den Stufenplan der schleswig-holsteinischen Landesregierung konnte Sie Mitte Juni die bislang stark reduzierten Kapazitäten aufstocken und auch noch Konzerte verdoppeln – nun sind es rund 180. Wie sehen die Chancen aus, noch kurzfristig Tickets zu bekommen?

Durch diese Öffnung gibt es für fast jedes Konzert noch Karten – das ist ganz großartig. Aber wir sind dadurch auch vor besondere Herausforderungen gestellt, denn wir verkaufen sonst in der Regel im Februar/März schon über 50 Prozent unserer Karten. Jetzt können wir unserem Publikum sagen: schaut im Internet auf www.shmf.de und informiert euch über das, was kommt.

Weniger große Spielstätten und Abstandsregeln bedeuten auch weniger Karten. Wie federn Sie als Veranstalter die absehbaren Verluste ab?

Ohne die Hilfe des Bundes und des Landes Schleswig-Holstein wäre es nicht gegangen. Wir haben jeden Fond, der aufgelegt wurde, ausgenutzt, so dass wir es schaffen, in diesem Jahr auch mit weniger Zuschauern klar zu kommen. Das ist für die gesamte Veranstaltungsbranche eine extreme Herausforderung. Aber ganz ehrlich, vor einem halben Jahr hätte ich nicht damit gerechnet, dass wir im Juli schon über 80.000 Karten verkauft haben.

Aufgrund von Reisebeschränkungen kann die Porträtkünstlerin Hélène Grimaud nicht zu den Eröffnungskonzerten anreisen. Auch das BBC Philharmonic Orchestra kann pandemiebedingt nicht anreisen. Wie verteilt sich derzeit das Verhältnis zwischen Routine und Improvisation in Ihrer Arbeit?

Ehrlich gesagt wachen wir jeden Morgen auf und erwarten irgendeine Hiobsbotschaft. Oft kommt auch eine und dann sind wir gefordert, das Problem, das vor uns liegt, zu lösen. Darin haben wir zwar mittlerweile eine gewisse Routine entwickelt, aber es ist auch unheimlich anstrengend. Das würde nicht gehen, hätten wir nicht so ein fantastisches Team. Wir haben die Improvisationskunst in den Mittelpunkt gerückt und ich kann heute schon sagen: es wird Vieles so kommen wie geplant, aber Einiges sich auch noch kurzfristig ändern. Aber wir werden immer dafür sorgen, dass Konzerte, die nicht so wie geplant stattfinden können, trotzdem zum Highlight werden – dann vielleicht mit einer Programmänderung.

Hätten Sie jemals gedacht, dass Sie eher Krisen- statt Kulturmanager sein würden?

Ich bin ja schon relativ lange in diesem Beruf an unterschiedlichen Positionen. Ich habe damit gerechnet, dass es auch mal zu Krisen kommen kann, aber nicht in diesem Ausmaß. Diese Krise betrifft uns alle weltweit, sie bringt eine ganze Gesellschaft ins Wanken und schafft Unsicherheiten. Umso wichtiger ist die Rolle der Kultur auch als Ermöglicher und als Zeichen, dass es wieder weitergeht.


Es gab viel Kritik von Kulturschaffenden und Veranstaltern an der Anti-Corona-Politik: Mangelnde Stringenz, Benachteiligung der Kulturbranche, man sei nicht genug angehört und miteinbezogen worden in Entscheidungsprozesse. Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht das Agieren der Politik?

Ich beteilige mich nicht daran, die Kultur gegen andere Bereiche auszuspielen. Für Schleswig-Holstein hätte ich es mir nicht besser vorstellen können. Seit die Pandemie ihren Anfang nahm, haben wir intensive Gespräche mit der Landesregierung geführt. Alle wollten trotz großer Verunsicherung Kultur ermöglichen. Das hat sich in den letzten Monaten noch einmal deutlich herauskristallisiert. Sowohl unsere Kulturministerin Karin Prien als auch der Ministerpräsident Daniel Günther haben sich vehement für die Veranstaltungsbranche eingesetzt – und nicht nur fürs SHMF.

Weitere Infos und Karten auf www.shmf.de