Stettin – das unentdeckte Kleinod an der Oder
Wer dachte, dass Szczecin – das historische Stettin – direkt an der Ostsee liegt und Westpommern nur Strand und Meer zu bieten hat, wird überrascht sein. Denn diese Region hat mehr zu bieten, als man denkt. Ein Streifzug durch Szczecin (Stettin) und Westpommern zwischen Pariser Boulevards, verwunschenen Flusslandschaften und überraschender Winzerkunst.

Wer an der Oderpromenade von Szczecin, dem historischen Stettin, entlangflaniert, wird nicht selten von einer überraschenden Schokoladennote eingehüllt. Der süße Duft aus der nahe gelegenen Schokoladenfabrik Greif mischt sich mit der salzigen Brise des Flusslandes und dem leichten Dieselgeruch der Schiffe auf der Stettiner „Wulkan-Werft“. Es ist der perfekte Auftakt für eine Entdeckungsreise durch die Stadt an der Oder und die Woiwodschaft Westpommern, ein touristisch unentdecktes Kleinod im Nordwesten Polens. Die Region inszeniert sich unter einem zeitlosen Motto: Immer nah am Wasser.
Dabei erliegen viele Polen wie auch Touristen einem hartnäckigen Irrglauben: Sie vermuten Szczecin direkt an der Ostsee. Tatsächlich liegt die Stadt noch rund 65 Kilometer von der offenen See entfernt. Sie befindet sich an der Mündung der Oder in das Stettiner Haff, das nur wenige Kilometer nördlich der Innenstadt beginnt. Wer echte Meeresbrise sucht, erreicht den nächstgelegenen Küstenseebadort Świnoujście (Swinemünde) mit dem Auto oder dem Zug in etwa einer Stunde.
Um das heutige Westpommern zu verstehen, muss man in die vielschichtige Historie dieser Grenzregion blicken. Bereits im 8. Jahrhundert entstand an den Ufern der Oder eine erste slawische Burganlage. Über Jahrhunderte prägte das Geschlecht der Greifen-Herzöge das Territorium; ihr mächtiges Renaissance-Schloss (Zamek Książąt Pomorskich) thront bis heute über der Altstadt und birgt in seinen Gewölben die Sarkophage der einstigen Herrscher. Nach dem Dreißigjährigen Krieg fiel die Region an Schweden, ehe sie im 18. Jahrhundert preußisch wurde. Im späten 19. Jahrhundert schenkte der Stadtplaner Wilhelm Meyer-Schwartau Stettin sein charakteristisches Gesicht: Nach Pariser Vorbild entwarf er großzügige Boulevards und sternförmig zulaufende Plätze wie den Plac Grunwaldzki, die der Stadt ihre bemerkenswerte Symmetrie verleihen.

Die Katastrophe folgte im Zweiten Weltkrieg: Im Jahr 1944 zerstörten schwere alliierte Luftangriffe rund 80 Prozent der historischen Altstadt sowie die Hafenanlagen. Nach dem Potsdamer Abkommen wurde die Region polnisch; die ursprüngliche Bevölkerung wurde vertrieben und durch Polen aus den ehemaligen Ostgebieten neu besiedelt. In der Volksrepublik Polen wuchs Szczecin zu einem der wichtigsten Werft- und Industriezentren des Ostblocks heran.
Heute erlebt Szczecin eine fulminante Renaissance und wendet sich bewusst dem Wasser zu. Zugleich macht die Stadt ihrem Ruf als „grüne Metropole“ alle Ehre: Eingebettet zwischen Buchheide, Gollnower und Ueckermünder Heide setzen weitläufige Parkanlagen wie der Park Jasne Błonie mit seinen prächtigen Platanenreihen, der Park Kasprowicza oder der Stettiner Cmentarz Centralny, einer der größten Parkfriedhöfe Europas, grüne Akzente.

Das maritime Leben schlägt auf der Oderinsel Łasztownia (Lastadie). Wo einst düstere Speicherhäuser verfielen, säumen heute renovierte Klinkerbauten, kleine Gastronomien und moderne Promenaden die Hafenbecken. Die historischen Ladekräne, von den Einheimischen liebevoll „Dźwigozaury“(auf Deutsch: „Dinosaurierkran“) genannt, stehen wie stählerne Zeitzeugen am Kai, während direkt gegenüber der eisbergartige, futuristische Bau der Stettiner Philharmonie schimmert. Zu den architektonischen Höhepunkten gehören auch die Hakenterrasse (Wały Chrobrego) mit dem Nationalmuseum, das interaktive Wissenschaftszentrum Morskie Centrum Nauki, Baudenkmäler wie die St.-Jakobi-Kathedrale, das Alte Rathaus am Heumarkt und das historische Hafentor Brama Portowa. Selbst Kulturgeschichte findet sich hier: Das Kino „Pionier“ gilt als das älteste durchgehend betriebene Lichtspieltheater der Welt.

Einen stimmungsvollen Höhepunkt im Festkalender bildet das jährliche Großevent Żagle: Drei Tage voller Großsegler, Konzerte und maritimer Erlebnisse verwandeln die Uferpromenaden von Stettin in eine weithin leuchtende Festmeile, bei der Einheimische und Gäste das stolze Seefahrtserbe der Stadt gemeinsam feiern.
Die Dimension des Wassers offenbart sich vollends vom Boot aus. Eine Tour führt vorbei am ehemaligen Gelände der Stettiner Werft, das als Industriepark (Stocznia Szczecińska) genutzt wird, hinaus auf den Jezioro Dąbie (Dammschen See), Polens viertgrößtem Binnensee. „Hier wechselt das Bild innerhalb von zwanzig Minuten von Schwerindustrie zu reinem Naturschutzgebiet“, erzählt Gästeführerin Daria Zając bei der Ausfahrt über das mehr als 50 Quadratkilometer große Gewässer.

Südlich der Großstadt entfaltet die Natur im Zwischenoderland (Międzyodrze) ihre ungezähmte Kraft. Das zwei bis sechs Kilometer breite und 60 Kilometer lange Feuchtgebiet ist als polnischer Landschaftspark „Unteres Odertal“ geschützt und grenzt an den deutschen Nationalpark. In diesem Labyrinth aus hunderten Inseln und Altarmen regiert die Wildnis: Biber, Fischotter, Rehe und Wölfe sind hier heimisch, während Seeadler über den Fischgründen kreisen. Wer die Auenlandschaft überschauen möchte, steigt bei Widuchowa auf den 72,6 Meter hohen Slawischen Berg: Eine hölzerne Aussichtsplattform gibt dort den Blick frei über das breite grüne Band, an dem sich die Oder teilt.

Weiter nördlich öffnet sich das 800 Quadratkilometer große Stettiner Haff (Zalew Szczeciński). Orte wie Nowe Warpno bezaubern mit Fachwerkhäusern aus dem 17. Jahrhundert, während Trzebież mit Strand und Promenade lockt. Wassersportler und Radler finden in der Region hervorragende Bedingungen vor – sei es auf der Westpommerschen Segelroute mit ihrem dichten Netz moderner Marinas von Ognica bis Darłowo oder auf Küstenradwegen wie der Velo Baltica (EuroVelo 10).

Auch gastronomisch ist die Region mit seinen heimischen Gewässern und Traditionen verwurzelt. Neben fangfrischem und heiß geräuchertem Fisch bietet Szczecin kulinarische Unikate: Der Pasztecik Szczeciński, ein frittierter, gefüllter Hefeteigriegel, wird seit 1969 auf einer historischen Społem-Maschine gefertigt und ist ein geschütztes Traditionsprodukt. Die fast eine Tonne schwere sowjetische Militärmaschine wurde ursprünglich für die Sowjetarmee entwickelt, um unter schwierigsten Bedingungen Piroghi (gefüllte Teigtaschen) herzustellen. Die Stettiner Lebensmittelgenossenschaft“Społem“ nutzt diese Technik heute friedlich für die Gastronomie und eröffnete damit ihre erste Kuchenbar. Der legendäre Fisch-Reis-Brotaufstrich Paprykarz Szczeciński wird heute in lokalen Restaurants frisch neu interpretiert. Abgerundet wird die Genusspalette durch Miód Drahimski (regionaler Buchweizen- und Lindenhonig) sowie den im Eichenfass gereiften Getreidebrand Starka.

Eine besondere Entdeckung bietet der aufstrebende Enotourismus. Begünstigt durch ein besonderes Mikroklima keltern hiesige Winzer hochklassige Weine aus Rebsorten wie Solaris, Johanniter, Pinot Noir oder Riesling. In Babinek, in der Pufferzone des Stettiner Landschaftsparks „Puszcza Bukowa“, liegt das ökologische Weingut Kojder und lädt genauso zur Hausverkostung ein wie das Weingut Julo, das sich auf historische Rebsorten spezialisiert hat. Das seit 2021 alljährlich stattfindende Westpommersche Weinfest bringt Sommeliers und Weinliebhaber zusammen und setzt einen stilvollen Schlusspunkt unter die Erkundung dieses überraschenden Wasserreichs.
Weitere Infos:
https://zrot.pl/