Brahms-Preis 2026: „Ein unheimlich reiches Feld“

Die Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein verleiht den mit 10.000 Euro dotierten Brahms-Preises 2026 an das renommierte Mandelring Quartett. Seit seiner Gründung im Jahr 1983 durch die drei Geschwister der Familie Schmidt und eine befreundete Bratschistin hat das Ensemble eine glanzvolle internationale Karriere hingelegt, die es von Berlin über New York bis nach Manila führte. Am 26. September 2026 findet die feierliche Verleihung in der St. Bartholomäus Kirche in Wesselburen statt – ein denkwürdiger Ort, an dem schon der Vater von Johannes Brahms musikalisch geprägt wurde. Cellisten Bernd Schmidt über die Bedeutung dieser Auszeichnung, das Geheimnis einer über 40-jährigen „Ehe zu viert“ und ihre geerbte Schatzgräber-Mentalität gesprochen.

Das Mandelring Quartett erhält den Brahms-Preis 2026. Foto Guido Werner

Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Bernd Schmidt: Die Auszeichnung ist überwältigend, wenn man sich die Namen der vorangegangenen Preisträger anschaut. Koryphäen wie Leonard Bernstein oder Anne-Sophie Mutter stehen auf dieser Liste. Für uns ist das eine ganz große Ehre. Wir freuen uns riesig, dass mit uns eine Gattung ausgezeichnet wird, die im Fokus der breiten Öffentlichkeit oft etwas weniger wahrgenommen wird als Dirigenten oder die großen Instrumentalsolisten. Es ist ein schönes Zeichen, denn ein großer Teil der überlieferten Kompositionen wurde ja für Kammermusik geschrieben. Das ist ein unheimlich reiches Feld, für das es sich enorm lohnt, sich damit zu beschäftigen. Wenn ein solcher Preis dazu beiträgt, dieses Genre ins Rampenlicht zu rücken, dann ist das großartig.

Sie spielen nun schon seit über 40 Jahren in einer bemerkenswerten Kontinuität zusammen – in der klassischen Musikwelt spricht man da gerne von einer „Ehe zu viert“. Wie tariert man über vier Jahrzehnte hinweg künstlerische Visionen und private Harmonie aus?

Bernd Schmidt: Was die künstlerische Vision betrifft, gab es eigentlich gar nicht viel auszutarieren. Wir alle vier sind bis heute absolut begeistert von dem, was wir gemeinsam tun. Unsere Vision war und ist es, Musik auf höchstem Niveau zu machen – und zwar so, dass sowohl wir selbst als auch das Publikum und die Kritiker rundum zufrieden sind. Auf privater Ebene würde ich vielleicht eher von „optimieren“ sprechen. Austarieren klingt für mich immer ein bisschen so, als hätte anfangs etwas nicht gestimmt. Das war bei uns nicht der Fall: Wir haben von Anfang an mit großem Spaß miteinander gespielt und uns sehr gut verstanden. Natürlich gibt es in einer so intensiven Zusammenarbeit über die Jahrzehnte hinweg immer mal Momente, in denen man sich in hitzigen Diskussionen wiederfindet. Da lernt man mit der Zeit einfach eine große Gelassenheit und bezieht die längere Perspektive mit ein. Was heute in der Probe nach einem unüberbrückbaren Gegensatz klingt, sieht morgen oft schon ganz anders aus.

Das Quartett startete ursprünglich als Geschwistertrio. Wie sehr hat diese familiäre DNA die Art und Weise beeinflusst, wie Sie musikalisch miteinander kommunizieren?

Bernd Schmidt: Das hat uns zweifellos in erheblichem Maße beeinflusst. Wenn drei der vier Quartettmitglieder Geschwister sind, führt das zu einer enormen Stabilität. Es schließt von vornherein das Risiko aus, das vier völlig Fremde eingehen, die sich erst zusammenfinden und im Laufe des näheren Kennenlernens feststellen: „Oh, mit dem oder der möchte ich doch lieber nicht so intensiv arbeiten.“ Wir drei kannten uns so gut, dass wir genau wussten: Das wollen wir und das können wir.

Gleichzeitig muss man bei einer solchen Geschwisterkonstellation in einem Punkt aufpassen: Man muss allen Mitgliedern – auch den eigenen Geschwistern – stets den gebührenden Respekt entgegenbringen. Unter Geschwistern kann der Ton ja bekanntlich schnell mal etwas salopp werden, ohne dass es gleich negative Folgen hat, weil man sich eben blind kennt. Dessen muss man sich bewusst sein. Man muss aufpassen, dass man – zumindest so lange, bis man sich wirklich in- und auswendig kennt – nicht zu geschwisterlich agiert, damit es auch mit der vierten Person perfekt harmonisiert. Das war für uns über die Jahre hinweg durchaus Teil eines Reifeprozesses. Wir haben in diesen 40 Jahren persönlich alle deutlich dazugelernt. Die Arbeit hat heute eine Leichtigkeit und Unproblematik gewonnen, die wir noch weiter steigern konnten und die unheimlich angenehm ist.

Die Brahms-Gesellschaft betont in ihrer Pressemitteilung, dass es im Streichquartett keinen Dirigenten gibt, der den Takt vorgibt. In Zeiten, in denen gesellschaftlich oft nach starken Führungspersönlichkeiten gerufen wird: Ist das Modell des Streichquartetts ein Rezept für ein funktionierendes gesellschaftliches Miteinander?

Bernd Schmidt: Grundsätzlich würde ich das absolut bejahen. Es ist ein Miteinander, bei dem jeder Einzelne einen substanziellen Beitrag leistet. Das wäre in gewisser Weise ein ideales Modell für viele Bereiche. Es funktioniert dann, wenn jeder etwas Interessantes beizutragen hat und idealerweise alle an dem interessiert sind, was die anderen einbringen wollen. Wenn im Ensemble nicht völlig gegensätzliche musikalische Welten aufeinanderprallen, lassen sich so gemeinsame Lösungen finden, mit denen alle richtig gut leben und sich wohlfühlen können. Auf der Bühne entsteht dann durch diese spontane Kommunikation ein lebendiges Werk. Dieses prinzipielle Interesse am anderen und an seinen Beiträgen zur gemeinsamen Sache – das wäre in vielen gesellschaftlichen Bereichen sehr wünschenswert.

Sie sind mit dem Hambacher Musikfest, das Sie 1997 ins Leben gerufen haben, auch als Konzertveranstalter aktiv. Das Hambacher Schloss gilt als Wiege der deutschen Demokratie. War die Wahl dieses geschichtsträchtigen Ortes ein bewusster Schritt, um die klassische Musik aus dem Elfenbeinturm in einen gesellschaftlich relevanten Kontext zu rücken?

Bernd Schmidt: Es kam glücklicherweise vieles zusammen. Wir Geschwister stammen aus Neustadt an der Weinstraße, wo das Quartett auch heute noch seinen Sitz in einem ehemaligen Weingut hat. Das Hambacher Schloss liegt also direkt vor unserer Haustür. Vor der Gründung unseres Musikfests gab es dort schlicht kein vergleichbares Kammermusikfestival. Inspiriert hat uns damals ein sehr großes Festival im finnischen Kuhmo, wo Musiker mit befreundeten Kollegen zusammenkommen, um außergewöhnliche Werke in Besetzungen zu spielen, die man im normalen Konzertleben aus rein logistischen Gründen kaum hört. Wir wollten einfach die Möglichkeit nutzen, mit langjährigen Partnern Stücke jenseits des Standard-Repertoires zu musizieren und das Programm selbst zu bestimmen. Das Hambacher Schloss bot sich dafür als wunderschöner, akustisch hervorragender und eben symbolträchtiger Ort perfekt an. Die enge Verbindung zum Hambacher Fest von 1832 war uns natürlich bewusst und bildet eine wunderbare Kombination, aber der primäre Impuls war die Freude an der musikalischen Gemeinschaft und den unkonventionellen Möglichkeiten.

Kommen wir zu Johannes Brahms. Er brauchte bekanntlich Jahrzehnte, um sich an die Gattung des Streichquartetts zu wagen, weil er den übermächtigen Schatten Beethovens auf sich spürte. Wie wichtig ist sein Oeuvre heute für Sie?

Bernd Schmidt: Brahms hat sich schon lange vor der Veröffentlichung seines ersten Quartetts intensiv mit der Gattung beschäftigt und unzählige Entwürfe vernichtet, die seinen eigenen strengen Anforderungen nicht genügten. Als Musiker muss man das natürlich bedauern. Wenn man an Dvořák oder Schubert denkt – von ihnen gibt es viele frühe Quartette, die vielleicht noch keine makellosen Meisterwerke sind, aber dennoch wunderschöne Musikstücke. Es wäre herrlich, wenn wir von Brahms solche Werke aus seiner Entwicklungsphase hätten. Aber er war da absolut konsequent.

Das, was er uns hinterlassen hat – und da schließe ich direkt seine gesamte Kammermusik wie das Klavierquintett, das Klarinettenquintett oder die Streichsextette mit ein -, hat für uns eine ganz außergewöhnliche Bedeutung. Seine Tonsprache ist eine geniale Kombination aus hochemotionalen, sofort berührenden Elementen und einer unglaublich durchdachten Struktur. Das hält die Stücke selbst beim fünfzigsten Mal Hören oder Spielen absolut packend. Er hat so lange an den Dingen gefeilt, bis sie aus jeder Perspektive makellos waren und dennoch eine zutiefst persönliche Handschrift tragen. Denken Sie nur an seine rhythmischen Finessen oder die langsamen Sätze, die sich auf barocke Modelle rückbeziehen. Seine Werke sind absolute Meilensteine des Repertoires, die uns immer wieder herausfordern und begeistern.

Das Mandelring Quartett ist auch dafür bekannt, diese großen Meisterwerke von Brahms in den Konzertprogrammen gezielt mit Werken unbekannterer Zeitgenossen zu kombinieren. Warum liegt Ihnen das so am Herzen?

Bernd Schmidt: Das liegt uns wohl einfach in den Genen. Schon unser Vater hat sich während seines Studiums intensiv mit Komponisten beschäftigt, die nicht im Fokus der breiten Öffentlichkeit standen. Er stöberte in Antiquariaten nach Noten und stellte fest, dass es einen unheimlichen Reichtum an Werken gibt, die man fast nie im Konzertsaal hört. Er begann damals sogar eine Dissertation über den französischen Komponisten Georges Onslow, einen Beethoven-Zeitgenossen, von dem wir später auch einige Werke aufgenommen haben. Wegen der Familie – es kamen drei Kinder – hat er die Promotion zwar nicht zu Ende geführt, aber wir haben dieses Interesse geerbt.

Gerade in der Romantik, rund um die Brahms-Zeit, war das allgemeine Kompositionsniveau so enorm hoch, dass auch Komponisten abseits der ersten Garde hervorragende Werke geschrieben haben. Uns packt da eine richtige „Schatzgräber-Mentalität“. Es ist ungemein spannend, einen Giganten wie Brahms in den Kontext seiner Epoche zu stellen. Man sieht dann einerseits, was andere für tolle Musik geschrieben haben, und erkennt andererseits im direkten Vergleich erst recht, was Brahms letztlich so einzigartig macht.

Nach über 40 Jahren Mandelring Quartett: Gibt es für Sie überhaupt noch musikalische Grenzen, die Sie überschreiten wollen, oder geht es primär darum, das Erreichte zu bewahren?

Bernd Schmidt: Es geht definitiv nicht nur um das Bewahren. Jedes Jahr nehmen wir neue Werke in unser Repertoire auf – überwiegend weniger bekannte Schätze aus der Vergangenheit, aber in vernünftigem Maße auch zeitgenössische Musik. Es macht uns riesigen Spaß, diese Breite immer weiter zu erkunden. Natürlich ist es wunderschön, Dvořáks Amerikanisches Quartett zum vielleicht zweihundertsten Mal im Konzert zu spielen. Wir haben das große Glück, mit Werken zu arbeiten, die so gut sind, dass sie über Jahrzehnte hinweg frisch bleiben. Aber die Erweiterung des Repertoires und der Austausch mit heutigen Komponisten ist unheimlich anregend. Wir bleiben also weiterhin neugierig auf Entdeckungsreise.

Die Laudatio auf das Mandelring Quartett hält Martin Maria Krüger, Ehrenpräsident des Deutschen Musikrates. Auch die Landesregierung wird mit Grußworten bei der Preisverleihung vertreten sein. Und im Mittelpunkt steht natürlich die Musik: Das Mandelring Quartett wird im Rahmen eines Preisträgerkonzertes Brahms’ Streichquartett a-Moll op. 51 Nr. 2 spielen, eines der absoluten Meisterwerke der Gattung.

Brahms-Preisverleihung 2026 an das Mandelring Quartett
Samstag, 26. September 2026, 19 Uhr
Einlass ab 18.30 Uhr
St. Bartholomäus Kirche, Wesselburen

Tickets: 25,– bis 42,– EUR
Vorverkauf im Reisebüro Biehl und unter www.brahms-sh.de