SHMF: „Man hört Beethoven dann mit etwas anderen Ohren“

Klarinettist Martin Fröst über einen tänzerischen Beethoven und sein Konzert mit dem Swedish Chamber Orchestra bei den Schleswig-Holstein Musik Festivals

Martin Fröst gehört zu den ungewöhnlichsten Musikern der klassischen Szene. Der schwedische Klarinettist ist nicht nur als international gefragter Solist bekannt, sondern auch dafür, klassische Konzertformen immer wieder neu zu denken. In seinen Projekten verbindet er Musik mit Bewegung, Tanz und anderen künstlerischen Ausdrucksformen und sucht nach neuen Zugängen zu bekannten Werken. Dabei geht es ihm nicht darum, die Tradition hinter sich zu lassen, sondern genauer hinzuhören und vertraute Musik aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Beim Schleswig-Holstein Musik Festival ist Fröst mit dem Swedish Chamber Orchestra in der Reithalle Elmshorn zu erleben. Im Mittelpunkt steht Beethovens Siebte Sinfonie. Bevor die Sinfonie vollständig erklingt, steht die gemeinsam mit dem Arrangeur Hans Ek entwickelte „DNA Suite“ auf dem Programm, barocke Musik von Bach, Rameau und Händel mit modernen Klängen verbindet und den musikalischen Vorfahren von Beethovens 7. Sinfonie nachspürt. Die Idee dahinter: Beethovens Musik nicht als abgeschlossenes Meisterwerk zu betrachten, sondern ihre musikalischen Bausteine und tänzerischen Vorfahren hörbar zu machen.

Klarinettist Martin Fröst. Foto Mats Baecker

Herr Fröst, Ihr Konzert beginnt nicht mit Beethoven, sondern mit der von Ihnen und Hans Ek entwickelten „DNA Suite“. Was erwartet das Publikum?

Martin Fröst: Das DNA-Projekt beschäftigt sich mit der Frage, wie große Komponisten ihre Themen aus sehr kleinen Bausteinen entwickeln und daraus ein ganzes Universum erschaffen. In unserem Fall ist Beethoven der Mittelpunkt. Vor seiner Siebten Sinfonie entsteht eine Art musikalische Reise, die von der Barockmusik über moderne Tanzmusik bis zur Volksmusik führt.

Alles geht ineinander über. Es gibt zum Beispiel einen Jig von Rameau, dann Bachs Jigs, bulgarische und schwedische Volksmusik. Auch ein Thema aus Beethovens Siebter taucht auf. Der erste Komponist ist Jakob Mühlrad, ein junger schwedischer Komponist. Er hat ein kleines Thema von Beethoven übernommen, und Beethoven wiederum hatte dieses Material aus der irischen Volksmusik übernommen. So kann man diese musikalische DNA immer weiter zurückverfolgen.

Beethoven gilt oft als Gipfelpunkt der klassischen Musik. Sie zeigen ihn nun gewissermaßen mit seinen musikalischen Vorfahren.

Ja. Beethoven hat diese Tänze nicht erfunden. Der Jig beispielsweise war schon bei Bach, Händel, Mozart und anderen Komponisten zu finden. Im 18. Jahrhundert war Musik viel stärker mit Tanz verbunden als heute. Die Menschen tanzten zu dieser Musik.

Wir haben heute nicht mehr unbedingt eine unmittelbare Beziehung zu diesen Tänzen. Deshalb versuchen wir, diese Verbindung wieder hörbar zu machen. Wenn man die verschiedenen musikalischen Formen vorher erlebt hat und anschließend Beethoven hört, kann man vielleicht mit etwas anderen Ohren zuhören. Man sitzt dann nicht einfach da und denkt: Ich kenne die Siebte, ich weiß, was jetzt kommt. Man hat vorher verschiedene Formen und Bausteine kennengelernt, die mit Beethoven verbunden sind.

Was wünschen Sie sich, dass das Publikum in Beethovens Siebter anschließend anders wahrnimmt?

Das kann ich natürlich nicht bestimmen. Ich hoffe zunächst, dass die Menschen den ersten Teil genießen und spüren, wie viele Tänze und rhythmische Ideen mit Beethoven verbunden sind. Vielleicht öffnet sich dadurch eine neue Tür für das Hören. Aber das ist natürlich nur meine Absicht. Wie die Menschen tatsächlich reagieren, weiß ich nicht. Für uns ist das Projekt selbst noch neu. Wir machen es in dieser Form zum ersten Mal beim Schleswig-Holstein Musik Festival.

Die „DNA Suite“ ist auch ein visuelles und körperliches Erlebnis. Eine Cellistin, die früher Olympiateilnehmerin in der Gymnastik war, tanzt sogar während des Stücks. Welche Rolle spielt Bewegung für Ihre Musik?

Für mich ist das eine enorme Herausforderung. In diesem ersten Stück tanzt die Cellistin, während ich spiele und mich um sie herum bewege. Gleichzeitig muss ich das Orchester leiten, spielen und auf sie achten. Ich habe also mehrere Dinge gleichzeitig im Blick. Das ist unglaublich schwierig, aber es entwickelt mich auch als Musiker weiter.

Ich glaube, dass wir in der klassischen Musik mehr ausprobieren sollten. Man kann dirigieren, spielen, sich bewegen, komponieren oder improvisieren. All das ist eine enorme Ausbildung. Wenn man neue Dinge ausprobiert, kommt man manchmal aus einem Projekt heraus und merkt, dass man sich als Musiker weiterentwickelt hat.

Sie dirigieren das Swedish Chamber Orchestra und spielen gleichzeitig als Solist. Verändert diese Doppelrolle Ihren Blick auf Beethoven?

Ja, sehr. Wenn man gleichzeitig dirigiert und spielt, muss man viel stärker zuhören. Man konzentriert sich nicht nur auf sich selbst. Man möchte, dass das Orchester gut ist, man möchte alles hören und den anderen helfen. Man kommt ein Stück weit aus diesem „Ich, ich, ich“ heraus. Es geht darum, die anderen Musiker ins Zentrum zu stellen. Das ist ein sehr gesundes Gefühl.

Und nach dieser rund 30-minütigen musikalischen Reise kommt dann Beethovens Siebte vollständig?

Genau. Die „DNA Suite“ ist wie eine Folge von Räumen. Man bemerkt kaum, dass man von einem Raum in den nächsten kommt, obwohl sich die Musik verändert. Es gibt verschiedene Stücke, unterschiedliche musikalische Welten. Das Orchester bewegt sich, singt und summt teilweise, spielt ohne Dirigenten oder sogar im Dunkeln. Es ist eine Art bewegliches musikalisches Fest. Und dann kommt nach der Pause dieses monumentale Werk von Beethoven.

Das Konzert findet in der Reithalle Elmshorn statt. Passt ein solches Programm zu einem soungewöhnlichen Ort?

Ich finde das aufregend. Ich war ja in der letzten Saison „Artist in Residenz“ in der Elbphilharmonie und liebe den Saal. Aber ich denke nicht völlig anders über die Musik, nur weil ich in einer Reithalle statt in einem großen Konzertsaal spiele. Die Musik bleibt dieselbe. Gerade mit einem solchen Programm finde ich die Reithalle sehr spannend. Wir haben einen Szenografen und einen Lichtdesigner dabei. Bei den Konzerten in Deutschland wird es allerdings keine aufwendige Beleuchtung und keine große Inszenierung geben. Wir wollen sehen, wie das Programm in dieser Umgebung funktioniert. Das ist für mich sehr reizvoll.

Sie entwickeln immer wieder neue Konzertformen. Was treibt Sie dabei an?

Für mich gehört es zur Aufgabe eines Musikers, die eigene Zeit zu repräsentieren und mit Menschen in Kontakt zu kommen. Man sollte auch mit anderen Kunstformen arbeiten und neu darüber nachdenken, was ein Orchester sein kann. Ich finde es merkwürdig, wenn ein Musiker sagt: Meine einzige Aufgabe besteht darin, genau das zu spielen, was in den vergangenen 200 Jahren alle anderen gespielt haben. Natürlich repräsentieren wir die Musikgeschichte. Aber gleichzeitig sollten wir immer versuchen, einen Schritt in die Zukunft zu machen. Das haben Künstler in allen Bereichen getan, Filmemacher, Choreografen, Regisseure und Komponisten.

Und diese Neugier betrifft für mich nicht nur neue Projekte. Ich habe beispielsweise das Mozart-Konzert dreimal aufgenommen und auch das Copland-Konzert dreimal. Das klingt zunächst sehr konservativ. Aber jedes Mal habe ich nach einer anderen Art gesucht, diese Musik zu spielen und aufzunehmen. Meine Neugier richtet sich auf alle Bereiche des Musizierens.

Beethovens Wurzeln
Martin Fröst und das Swedish Chamber Orchestra

Mo, 10. August, 19.30 Uhr, Reithalle Elmshorn

Di, 11. August, 19.30 Uhr, Konzerthaus am Schloss Kiel

Restkarten unter www.shmf.de und 0431 23 70 70