Singer-Songwriter JORIS und Kammermusiker Miki Kekenj im Gespräch.
Der Violinist, Komponist und Arrangeur Miki Kekenj verfolgt seit Jahren eine klare Mission: große Pop- und Soulsongs so zu verwandeln, dass sie im klassischen Gewand ihren ganz eigenen Zauber entfalten. Mit seinem Takeover! Ensemble hat er längst Maßstäbe gesetzt. Nach Kooperationen mit Samy Deluxe, Stefanie Heinzmann und Max Mutzke trifft Kekenj nun beim Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) auf den Sänger JORIS, der 2015 mit „Herz über Kopf“ und dem Album „Hoffnungslos Hoffnungsvoll“ zum Publikumsliebling wurde.

Miki, du veranstaltest mit deinem Takeover! Ensemble seit 2013 eine eigene Konzertreihe in der Philharmonie Essen. Wie kam die Zusammenarbeit mit Joris zustande?
Miki Kekenj: Zweimal pro Jahr erarbeiten wir dort ein neues Projekt und suchen uns dafür spannende Künstlerinnen und Künstler aus. Unser Publikum in Essen ist unheimlich treu und begeisterungsfähig. Ich weiß, dass diese Menschen gute Geschichten lieben – sowohl in den Songs als auch in den Talks dazwischen. Mir ist es enorm wichtig, Gäste einzuladen, die ehrliche, liebevolle Geschichten erzählen können. Joris stand schon sehr lange ganz oben auf meinem Zettel. Ich habe ihn gefragt, ob er mit uns dieses Experiment eingehen möchte, und glücklicherweise hat er Ja gesagt.
Joris, Anfragen für Klassik-Crossover gibt es im Pop-Bereich viele. Hast du sofort zugesagt oder musstest du lange überlegen?
JORIS: Ich muss vorwegschicken, dass ich einen riesigen Respekt vor der Klassik habe. Ich war selbst am Klavier nie besonders stark im klassischen Bereich, sondern zog eher die Beatles vor. Bei früheren Crossover-Anfragen hatte ich oft das Gefühl, dass die Klassik zu kurz kommt; dass Popmusik einfach eins zu eins mit klassischem Besteck nachgespielt wird. Das finde ich persönlich nicht besonders spannend. Über einen gemeinsamen Kumpel, den Rapper Curse, hörte ich dann aber, wie großartig die Arbeit mit Miki sein soll. Als ich mir Aufnahmen anhörte, war ich begeistert. Miki hat meine Musik völlig neu interpretiert. Ich durfte meine eigenen Songs zum ersten Mal mit ganz neuen Ohren hören und wiederentdecken. Auf der Bühne von einem Quintett umringt zu sein und einfach mal anderthalb Minuten zuzuhören, weil die Musik in ein klassisches Zwischenspiel übergeht, ist wunderschön. Beide Welten bekommen hier genau den Raum, den sie verdienen.
Wie lief die Songauswahl für das Schleswig-Holstein Musik Festival ab? Wer durfte mehr bestimmen?
Miki Kekenj: Ich handhabe das am liebsten so, dass meine Gäste sich primär aussuchen, was sie spielen möchten. Samy Deluxe hat einmal treffend gesagt: Es ist immer höflich, Songs zu spielen, die das Publikum kennt! Natürlich spielen wir die großen Hits. Aber mir ist es genauso wichtig, Raum für die leisen Schätze zu schaffen. Auf jedem Album gibt es Songs, die energetisch vielleicht nicht auf eine riesige Festivalbühne vor 100.000 Menschen passen, weil sie intim sind und sehr persönliche Geschichten erzählen. Unser Ensemble bietet genau den richtigen Rahmen für diese Perlen.
Joris, du hast 2021 an „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ teilgenommen. Was hat dich beim Takeover-Format im Vergleich dazu überrascht?
JORIS: Miki ist schlichtweg ein musikalisches Genie. Der große Unterschied zu „Sing meinen Song“ ist, dass ich bei Miki trotz des völlig neuen musikalischen Gewands meine eigene Stimme einbringen darf. Zu erleben, wie die eigene Melodie von einem klassischen Quintett neu getragen wird, ist extrem berührend.
Werden diese Erfahrungen auch in deine künftige Musik einfließen?
JORIS: Wir haben bereits gemeinsam Aufnahmen gemacht! Zum zehnjährigen Jubiläum meines Debütalbums „Hoffnungslos Hoffnungsvoll“ waren wir zusammen im Studio in Köln und haben unsere Versionen verewigt. Das war wunderschön. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass Mikis Handschrift auch bei zukünftigen Produktionen eine Rolle spielt.
Ich durfte meine eigenen Songs zum ersten Mal mit ganz neuen Ohren hören und wiederentdecken.
JORIS
Miki, die Pop-Songs von Joris sind aufwendig produziert und radiotauglich. Was ist die größte Herausforderung, sie in ein klassisches Format zu übertragen?
Miki Kekenj: Die Herausforderung ist immer, eine echte klassische Handschrift zu wahren. Ein klassisches Ensemble funktioniert anders als eine Pop-Band – wir spielen in einem ganz bestimmten Gestus, und den möchte ich nicht künstlich verbiegen. Gleichzeitig müssen sich unsere Gastkünstler mit ihren Songs absolut wohlfühlen. Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden oder Titel zu entfremden. Es gilt, die goldene Mitte zu finden. Bei Joris steht die Geschichte im Mittelpunkt. Meine Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass Text und Melodie als Einheit ihren Charakter behalten und durch die Klassik nicht verwässert werden.
Als klassische Musiker spielt ihr streng nach Partitur. Wie viel Raum bleibt da überhaupt für Spontaneität und Improvisation auf der Bühne?
Miki Kekenj: Bis auf unseren Kontrabassisten Max Sommersgut, der sich virtuos zwischen Jazz, Pop und Klassik bewegt, sind wir Klassiker ehrlich gesagt keine großen Improvisateure – mich eingeschlossen. Auf musikalischer Ebene gibt es daher kaum Raum für freie Soli.
JORIS: Auf musikalischer Ebene stimmt das, da ist bei meiner eigenen Band gewöhnlich 30 Prozent des Abends improvisiert. Aber bei unseren Takeover-Konzerten gibt es eine ganz andere Ebene der Spontaneität: die Gespräche zwischen den Songs! Wir sehen uns durch unsere vollen Terminkalender viel zu selten. Auf der Bühne nutzen wir die Zeit, um uns spontan über Musik und das Leben zu unterhalten. Das macht jeden Abend absolut einmalig.
Joris, du stammst aus Brinkum bei Bremen, bist also Norddeutscher. Welchen Bezug hast du zum Schleswig-Holstein Musik Festival?
JORIS: Ich verbinde mit dem Festival wunderschöne Erinnerungen. Wir haben schon einmal im Rahmen des SHMF in einer riesigen Bootshalle in Neustadt gespielt – eine einmalige Location. Zur Klassik hatte ich durch eine frühere Beziehung mit einer Sopranistin engen Kontakt und habe viele Barockkonzerte gehört. Dennoch habe ich riesigen Respekt davor. Dass ich als Popmusiker in Häusern wie der Bremer Glocke oder der Elbphilharmonie spielen darf, ist für mich auch nach zehn Jahren Karriere etwas ganz Besonderes.
Das SHMF ist für uns in der Klassik ein echter Ritterschlag.
Miki Kekenj
Miki Kekenj: Für mich ist das SHMF ein echter Ritterschlag. Es gehört zu den ganz großen Namen. Das Wunderschöne am SHMF ist, dass es zwar ein Klassikfestival ist, aber programmatisch unglaublich vielseitig und mutig agiert. Es führt das Stammpublikum immer wieder an experimentelle Formate heran. Wenn wir jetzt im Rahmen des SHMF in einem monumentalen Saal wie der Elbphilharmonie auftreten, bringt das alles zusammen: dieses großartige Festival und eine echte Architektur-Ikone.
Welches Publikum trifft man bei Ihren gemeinsamen Konzerten an – eher die Pop-Fans von Joris oder das klassische Festivalpublikum?
Miki Kekenj: Beide! Das ist genau das Besondere. Manchmal sieht man den Besucherinnen und Besuchern optisch an, aus welcher Ecke sie kommen. Aber am Ende erleben wir alle gemeinsam zwei wunderbare Stunden, völlig egal, woher man musikalisch stammt.
JORIS: Ich habe treue Fans, die scherzhaft sagen, sie hätten mehr Konzerte von mir gesehen als ich selbst gespielt habe (lacht). Die stehen sonst in der ersten Reihe eines Klubs und sitzen nun im Konzertsaal. Musikliebhaber, Pop-Fans und Klassik-Begeisterte kommen gleichermaßen auf ihre Kosten. Es ist ein sehr buntes, sehr schönes Publikum.
Für die Auftritte gibt es nur noch Restkarten. Warum sollte man sich dieses Konzert nicht entgehen lassen?
JORIS: Weil es gerade in der heutigen Zeit unglaublich guttut, einen so emotionalen, warmen Abend gemeinsam zu erleben. Zusammenkommen, zuzuhören, zu singen – und am Ende einfach glücklich nach Hause gehen.
Hintergrund: JORIS & Takeover! Ensemble
Mit seinem Debüthit „Herz über Kopf“ und dem Album „Hoffnungslos Hoffnungsvoll“ wurde JORIS 2015 schlagartig bekannt. Sein aktuelles Album „Zu viel Retro“ setzt konsequent auf handgemachte, ehrliche Sounds. Der Violinist und Komponist Miki Kekenj bringt mit seinem Takeover! Ensemble (Kammermusik-Quintett) Pop-Größen in klassische Konzert-Locations wie die Bremer Glocke oder die Elbphilharmonie Hamburg.
Termine:
So, 30. August, 19.30 Uhr: Seebühne Eutin
Do, 3. September, 19.30 Uhr: Elbphilharmonie Hamburg
8. September, 20 Uhr: Festival Kultur im Zelt, Braunschweig
17. September, 19.00 Uhr: Hohenlohe Kultursommer, Künzelsau
26.09.2026: Konzerthaus Ravensburg
27.09.2026: Backnanger Bürgerhaus, Backnang
25.10.2026: Stadttheater Fürth
05.11.2026: kING Kultur- und Kongresshalle, Ingelheim
06.11.2026: Trifolion Echternach
07.11.2026: BASF Feierabendhaus, Ludwigshafen
08.11.2026: Erholungshaus Leverkusen
19.11.2026: Stadthalle Detmold
20.11.2026: Stadttheater Minden
21.11.2026: Robert-Schuhmann-Saal, Düsseldorf
28.11.2026: Konzerttheater Coesfeld
10.12.2026: Stadthalle Aalen
11.12.2026: Heilig-Kreuz Kirche, Gelsenkirchen
12.12.2026: Stadttheater Aschaffenburg
13.12.2026: Busch-Theater Hilchenbach