SHMF: „Chess – Das Musical“

Dirigent Nicolas Fink über die konzertante Aufführung des Rock-Pop-Musicals von ABBA-Komponisten Benny Andersson und Björn Ulvaeus

Große Gefühle, politische Konflikte und Songs, die längst ein Eigenleben entwickelt haben: Das Musical „Chess“ bringt vieles zusammen, was auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammengehört. Die Musik stammt von ABBA-Komponisten Benny Andersson und Björn Ulvaeus, die Texte von Tim Rice, der zuvor mit „Evita“ und „Jesus Christ Superstar“ Erfolge gefeiert hatte. Im Mittelpunkt stehen zwei Schachspieler, ihre Rivalität und eine Liebesgeschichte, die sich zwischen den politischen Fronten des Kalten Krieges entfaltet. Songs wie „One Night in Bangkok“ und „I Know Him So Well“ sind längst Klassiker.

Im Rahmen des Stockholm-Schwerpunkts beim Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) wird „Chess“ nun in einer konzertanten Fassung aufgeführt. Der Festivalchor unter der Leitung von Nicolas Fink trifft dabei auf das Danish Philharmonic Orchestra und ein Solistenensemble

Dirigent Nicolas Fink. Foto Marco Kitzing

Herr Fink, Sie sind dem Publikum des Schleswig-Holstein Musik Festivals vor allem für große klassische Chorsequenzen und chorsinfonische Werke bekannt. Was hat Sie gereizt, mit dem Festivalchor und dem Danish Philharmonic ausgerechnet ein Rockmusical wie „Chess“ aufzuführen?

Ich hatte schon früh sehr viel mit Musicals zu tun. Als Jugendlicher und später als junger Profi war das ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Die letzte Station meiner eigenen Musical-Laufbahn war das Palladium Theater in Stuttgart, wo ich „Wicked-Die Hexen von Oz“ dirigiert habe. Deshalb hatte ich immer eine Affinität zu diesem Genre. Dass es jetzt im Rahmen des Stockholm-Schwerpunkts beim SHMF wieder auftaucht, freut mich sehr. Wenn man über schwedische Musik nachdenkt, ist man natürlich relativ schnell bei ABBA. Als die Frage aufkam, welches größere Werk wir mit dem Festivalchor machen könnten, kam Christian Kuhnt irgendwann auf „Chess“. Da hat er bei mir offene Türen eingerannt.

Die Musik von Benny Andersson und Björn Ulvaeus ist weit mehr als eingängiger Pop. Die Partitur steckt voller komplexer Kontrapunkte, harmonischer Wechsel und rhythmischer Herausforderungen. Wie anspruchsvoll ist „Chess“ für einen Konzertchor?

Die Musik hat es wirklich in sich. Wenn der Chor zum Einsatz kommt, sind wir eigentlich eher bei der Oper als im Pop-Rock-Bereich. Es gibt einen großen oratorischen Chor, gleichzeitig aber auch drei Background-Sänger. Bei „One Night in Bangkok“ beispielsweise ist es nicht der große Chor, der den typischen Sound erzeugt, sondern ein eigenes Backup-Ensemble.

Es gibt viele Taktwechsel und rhythmisch ist das Stück anspruchsvoll. Dazu kommt, dass wir verschiedene Stile abdecken müssen. Am Anfang gibt es den großen Eingangschor über das Schachturnier in Meran. Da hat man fast das Gefühl, man sei in einer Verdi-Oper. Das muss auch wirklich opernhaft gesungen werden. Später geht es dann in den Popbereich, wo eine ganz andere Gesangstechnik gefragt ist.

Diese Herausforderung haben wir mit dem Chor angenommen. Die Sängerinnen und Sänger sind sehr offen dafür, stimmlich etwas Neues auszuprobieren. Aber sie machen das sehr gut. Ich glaube, wir kommen zu einem sehr differenzierten Ergebnis, weil wir tatsächlich ganz unterschiedliche Stilrichtungen abdecken, von der Oper bis zum Pop.

Bei einer konzertanten Aufführung fehlen Bühnenbild, Kostüme und Requisiten. Wie lässt sich die Spannung zwischen dem Kalten Krieg und der Liebesgeschichte trotzdem vermitteln?

Das ist natürlich eine Herausforderung. „Chess“ hat allerdings eine gewisse Sonderstellung, weil am Anfang nicht eine Bühnenproduktion stand, sondern ein Album. Die Musik entstand Anfang der 1980er Jahre, und die Aufnahme war gewissermaßen der Ausgangspunkt. Es gab also nicht zuerst eine Bühnenshow, die anschließend auf Platte gebracht wurde.

Von daher trägt die Musik selbst bereits eine Dramaturgie in sich. Das Stück wurde im Laufe der Jahre immer wieder verändert. Es gab zunächst die Fassung für das West End, dann eine stark überarbeitete Broadway-Version, auch die Geschichte wurde verändert. Für unsere konzertante Fassung kamen wiederum neue Stücke dazu.

Die Liebesgeschichte und der Konflikt zwischen den beiden politischen Systemen kommen trotzdem sehr deutlich zum Tragen. Es ist vor allem die Musik, die diese Geschichte erzählt und nicht das fehlende Bühnenbild. Deshalb eignet sich „Chess“ meiner Meinung nach sogar besonders gut für eine konzertante Aufführung.

Auf der Bühne stehen mit Matthias Edenborn, Hendrik Wagner und Melanie Gebhardt erfahrene Musicaldarsteller. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit einem Projektchor?

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass es da eigentlich keine riesigen Unterschiede gibt. Wenn der Chor auf das Orchester und die Solisten trifft, sind die einzelnen Gruppen normalerweise so gut vorbereitet, dass die Zusammenarbeit funktioniert. Ich kenne die Solisten bereits, das ist natürlich ebenfalls ein Vorteil.

Natürlich ist ein solcher Chor kein Profichor. Wenn einmal etwas nicht funktioniert, muss man als Dirigent reagieren und die Leute wieder zusammenbringen. Aber das bekommen wir hin.

„Chess“ erzählt vom Aufeinandertreffen von Ost und West, von politischer Instrumentalisierung und persönlichen Loyalitätskonflikten. Wie stark schwingt die aktuelle geopolitische Lage bei dieser Aufführung mit?

„Chess“ ist nach dem Fall der Mauer ein Stück weit in Vergessenheit geraten. Plötzlich war der Kalte Krieg kein Thema mehr, und man wollte davon auch nicht mehr so viel hören. Es hat dann einige Jahre gedauert, bis das Stück wieder stärker aufgegriffen wurde.

Heute ist das natürlich anders. Wer diese Zeit erlebt hat, wird bei „Chess“ vieles wiedererkennen. Es ist ein bisschen ein Déjà-vu. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass wir einmal wieder an diesem Punkt stehen würden? Das war sicherlich nicht absehbar, als wir das Stück ins Programm genommen haben. Aber jetzt fühlt man sich immer wieder daran erinnert. Es hat sich leider weniger verändert, als man vielleicht gehofft hatte.

Für dieses Projekt arbeitet der Festivalchor mit dem Danish Philharmonic zusammen. Entsteht dadurch eine besondere grenzüberschreitende Energie?

Das denke ich schon. Für den Chor ist es das erste Mal, dass wir gemeinsam ins dänische Ausland fahren. Allein das wird für viele ein besonderes Erlebnis sein. Das Orchester kennt „Chess“ bereits und hat das Stück schon aufgeführt. Es hat also eine besondere Affinität zu dieser Musik. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit. Dass sie über die Grenze hinweg stattfindet, ist für mich auch ein schönes Signal.

Warum sollte man sich diese Aufführung nicht entgehen lassen?

Weil „Chess“ ein Stück ist, das live relativ selten zu hören ist. Und es ist im besten Sinne des Wortes für jeden etwas dabei. Wer gerne Oper hört, kommt auf seine Kosten, wer Rockmusik mag, ebenfalls. Und dann gibt es natürlich den einen oder anderen Hit, bei dem viele wahrscheinlich gar nicht wissen, dass er aus „Chess“ stammt. Und plötzlich denkt man: Moment, das kenne ich doch.

Chess – Das Musical
Sa, 29. August, 19.30 Uhr, Musik- und Kongresshalle Lübeck

So, 30. August, 18.00 Uhr, Koncertsalen Alsion Sonderburg

Karten unter www.shmf.de und Tel.: 0431 23 70 70