SHMF: „Ich möchte durch Musik einen positiven Einfluss auf das Leben von Menschen haben.“

Ausnahmegeiger Ray Chen kommt zum SHMF nach Kiel und Husum

Ein spontaner Auftritt beim Eröffnungskonzert des vergangenen Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) machte Ray Chen über Nacht zum Liebling des Publikums, als er kurzfristig für die erkrankte Solistin Katja Buniatischwili einsprang. In diesem Festivalsommer kehrt der Ausnahmegeiger zum SHMF zurück, um gemeinsam mit dem Festivalorchester unter der Leitung von Katharina Wincor das hochemotionale Violinkonzert von Jean Sibelius zu präsentieren. Andreas Guballa hat mit dem 37-Jährigen darüber gesprochen, wie man ein Konzert im Urlaubsoutfit rettet, warum klassische Musik heute andere Brücken braucht und wie man junge Talente inspiriert.

Ausnahmegeiger Ray Chen. Foto DECCA

Ihr Auftritt beim Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals im letzten Jahr als kurzfristiger Einspringer ist vielen Menschen im Gedächtnis geblieben. Wie haben Sie diesen Abend erlebt?

Ray Chen: Für mich war das ein unglaublich intensiver und besonderer Abend, weil alles so unerwartet kam. Ich war eigentlich gerade im Urlaub auf Santorini in Griechenland, als der Anruf mit dieser fantastischen Gelegenheit kam. Ich hatte zwar meine Geige dabei, aber keinerlei Konzertkleidung im Gepäck. Zum Glück werde ich von Giorgio Armani unterstützt. Ich habe also schnell dem Team in Mailand geschrieben und sie haben mir in einer Hamburger Filiale kurzfristig einen Anzug organisiert, den ich auf dem Weg zum Konzert abgeholt habe. Dazu kam, dass ich an diesem Abend zum ersten Mal auf einer Stradivari von 1727 spielte, die mir das Londoner Musikhaus J&A Beare geliehen hatte. Es war alles extrem hektisch für mich. Aber auf der Bühne lief es wunderbar, auch dank meines Mentors Christoph Eschenbach. Ich habe ihn als Student am Curtis Institute of Music kennengelernt, als er Chefdirigent des Philadelphia Orchestra war und regelmäßig Zeit mit uns Studierenden verbrachte, um Repertoire von Strauss bis Mahler durchzugehen. Dieser Abend hatte für mich einfach unendlich viele emotionale Ebenen.

Was schätzen Sie so sehr am Schleswig-Holstein Musik Festival, dass Sie nun für eigene Konzerte zurückkehren?

Ray Chen: Die Spielorte hier sind einfach fantastisch. Diesmal spielen wir in Kiel und in Husum. Letztes Jahr waren wir in Lübeck, wo ich mit Christoph Eschenbach auch schon mein Mozartalbum aufgenommen habe. Ich liebe die Lübecker Altstadt, in der ich viel spazieren gegangen bin. Man hat das Gefühl, mitten in der Geschichte zu leben. Das Festival bringt zudem eine ganz besondere Kultur und ein unglaublich hohes musikalisches Niveau mit sich. Da ich nicht in Europa lebe, fühlt sich eine Reise nach Deutschland für mich immer so an, als würde ich an die Quelle der klassischen Musik zurückkehren. Hier lade ich meine Batterien auf, um diese historische Musikkultur dann wieder mit Menschen auf der ganzen Welt zu teilen.

Sie teilen sich die Bühne diesmal mit den jungen Musikern des Festivalorchesters. Was bedeutet Ihnen die Arbeit mit einem so hochmotivierten Nachwuchsensemble im Vergleich zu einem etablierten Profiorchester?

Ray Chen: Da ich selbst vor gar nicht allzu langer Zeit ein junger, aufstrebender Musiker war, weiß ich genau, wie wichtig die Inspiration durch erfahrene Künstler ist. Jeder Auftritt auf der Bühne ist ein kostbares Geschenk, das man nicht auf die leichte Schulter nehmen darf. In den Proben geht es mir darum, eine gemeinsame Basis zu finden, um dem Publikum eine tiefe Bedeutung zu vermitteln. Die Menschen leben heute schließlich ganz anders als noch vor dreißig Jahren, was man auch an den vielen popkulturellen Rückgriffen auf die Achtziger und Neunziger in Serien wie „Stranger Things“ sieht. Das Publikum bringt heute völlig andere Erwartungen mit in den Konzertsaal. Die jungen Talente im Orchester sind unglaublich begabt, aber sie wurden oft sehr einseitig von ihren Lehrern geprägt, sei es im russischen, amerikanischen oder traditionellen deutschen Stil. In den Proben müssen wir all diese Nuancen zusammenführen, um eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Das ist ein Lernprozess, den ich als reifender Musiker selbst erst verstehen musste und den ich jetzt gerne weitergebe.

Die Dirigentin dieses Projekts, Katharina Wincor, hat genau wie Sie in kurzer Zeit eine steile Karriere hingelegt. Was erwarten Sie von der Zusammenarbeit mit ihr und wie wichtig ist die musikalische Kommunikation zwischen Solist und Leitung während der Proben?

Ray Chen: Ich erwarte vor allem gegenseitiges Wohlwollen und die Bereitschaft, das Werk gemeinsam zu entdecken. Katharina und ich arbeiten zum ersten Mal zusammen und wir begegnen uns als Team, um das gemeinsame Rätsel des Sibelius-Konzerts zu lösen. Wir wollen die jungen Musiker inspirieren, und das schweißt uns noch enger zusammen. Vor einem reinen Profiorchester geht man oft sofort tief in die eigenen künstlerischen Ansichten. Hier aber haben wir eine Vorbildfunktion für die Jugend. Sie beobachten genau, wie Solist und Dirigentin miteinander kommunizieren und ob man sich gegenseitig Respekt entgegenbringt. Ich erinnere mich selbst noch genau daran, wie große Künstlerinnen wie Midori oder Hilary Hahn damals zu uns ans Curtis Institute kamen und wie sie mit dem Orchester sprachen. Als Mentor darf man nicht nur stur die Musik im Kopf haben, man muss den Menschen zugewandt sein.

Das Violinkonzert von Jean Sibelius gilt als technisch hochkomplex und emotional fordernd. Was fasziniert Sie persönlich an diesem Werk?

Ray Chen: Ich liebe es, Geschichten zu erzählen. Sibelius hat ein emotional unheimlich kluges Werk geschaffen, das seine Ideen klar kommuniziert. Wenn das Stück beginnt, entsteht sofort das Bild einer finnischen Winterlandschaft vor dem inneren Auge, mit leise fallenden Schneeflocken und eisigen Bächen. Daraus entwickelt sich schnell ein wilder arktischer Wintersturm. Durch soziale Medien haben wir heute zwar oft eine sehr einheitliche Vorstellung von diesen Bildern, aber die persönliche Herangehensweise bleibt bei jedem Künstler individuell. Im zweiten Satz denke ich zum Beispiel an ein warmes Kaminfeuer in einer Hütte, das Schutz vor der bitteren Kälte draußen bietet. Viele jüngere Künstler spielen Sibelius anfangs sehr spätromantisch, fast wie Brahms oder Tschaikowski. Aber das funktioniert nicht. Sibelius muss wendig sein, direkt und schneidend wie ein Wikinger-Langboot, nicht opulent und schwer. Diese Reife entwickelt man erst mit der Zeit.

Sie haben Ihre Wurzeln in Taiwan, sind in Australien aufgewachsen und mit 15 Jahren in die USA gezogen, um am Curtis Institute of Music zu studieren. Wie hat dieser multikulturelle Hintergrund Ihre Karriere geprägt?

Ray Chen: Er hat mich auf meinem Weg zu dem Menschen, der ich sein möchte, tief bestärkt. Als Kind orientiert man sich an den Eltern, aber durch das Reisen sammelt man überall neue Inspirationen. Die Menschen in den USA habe ich als extrem großzügig und offen erlebt. In Australien, wo ich aufgewachsen bin, leidet man oft unter dem sogenannten „Tall Poppy Syndrom“. Wenn eine Blume höher wächst als die anderen, wird sie gestutzt. Das sorgt zwar für soziale Gleichheit, ist für die Talentförderung aber Gift. In den USA wird Spitzenleistung dagegen belohnt. Diese amerikanische Großzügigkeit, der Wunsch, Spitzenleistung zu erbringen und gleichzeitig der Gesellschaft etwas zurückzugeben, hat mich tief geprägt. Wenn man als asiatischer Musiker klassische, also europäische Musik lernt, fühlt man sich anfangs oft ausgeschlossen. Jetzt, wo ich einen Platz am Tisch ergattert habe, möchte ich die Person sein, die die nachfolgenden Generationen willkommen heißt.

Sprechen wir über Ihre enorme Präsenz in den sozialen Medien. Sie betreiben Kanäle auf YouTube, haben über 300.000 Follower auf Facebook und mehr als eine Million auf Instagram. Kaum ein klassischer Musiker nutzt diese Plattformen so intensiv. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Ray Chen: Soziale Medien sind ein mächtiges Werkzeug, um die eigene Geschichte ungefiltert zu erzählen. Wenn man damit Millionen von Menschen erreichen kann, ist das Grund genug. Vor gut zehn Jahren, als ich anfing, hieß die Debatte noch, ob klassische Musik überhaupt in die sozialen Medien gehört. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Heute fragen wir uns, wie wir diese Kanäle nutzen können, ohne an künstlerischer Qualität zu verlieren. Viele meinten, ich solle Crossover Projekte machen, aber das interessiert mich nicht. Ich möchte die klassische Musik in ihrer vollen Qualität repräsentieren. Wenn Heranwachsende mich sehen, sollen sie erkennen, dass Herkunft keine Barriere ist. Ray macht das vor, also könnt ihr das auch.

Welche musikalischen Ziele haben Sie sich für die kommenden Jahre gesetzt?

Ray Chen: Ein großes Highlight in diesem Jahr ist ein Kompositionsauftrag, den ich gemeinsam mit dem Los Angeles Philharmonic vergeben habe. Der Komponist Teddy Abrams, der auch schon ein mit einem Grammy ausgezeichnetes Klavierkonzert für Yuja Wang geschrieben hat, komponiert für mich das Werk „Seasons of America“. Das ist angelehnt an das Format von Vivaldi oder Piazzolla. Ich möchte damit um die Welt reisen und auch den Amerikanern selbst zeigen, wie viel Schönheit in ihrem Land steckt. Allgemein habe ich gelernt, meine Ziele anzupassen. Früher dachte ich in endlichen Kategorien, wie ein bestimmtes Orchester zu spielen oder ein Konzert zu lernen. Das kann erschöpfend sein, weil sich die Messlatte immer weiter verschiebt. Heute verfolge ich das langfristige Ziel, ich möchte durch Musik einen positiven Einfluss auf das Leben von Menschen haben. Das lässt sich auf so vielen Wegen messen, durch ein Konzert, ein Video oder über die Tonic App, eine digitale Plattform, die wir für Musizierende zum gemeinsamen Üben geschaffen haben. Das gibt mir unendlich viel Energie zurück.

Ray Chen, Violine
Schleswig-Holstein Festival Orchester
Katharina Wincor, Dirigentin

Sa, 1. August, 19.30 Uhr
Konzerthaus am Schloss

So, 2. August, 19.30 Uhr
NCC Husum

Karten unter www.shmf.de oder Tel.: 0431 23 70 70