SHMF: Klanglandschaften aus dem Norden

Die schwedisch-dänische Band Tailcoat taucht tief ein in die Vergangenheit und kleidet die entdeckten alten nordischen Melodien in ein völlig neues Klanggewand. Dabei kombinieren sie historische Instrumente wie Nyckelharpa und Hardangerfiedel mit einer modernen Rhythmussektion aus E-Bass und Perkussion. Am 15. August kommen die fünf Musiker im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) ins Bio-Gewächshaus Wöhrden. Wir sprachen mit Rasmus Brinck über das Programm.

Die schwedisch-dänische Band Tailcoat spielt im Bio Gewächshof Wöhrden. Foto Eva Wistemar

Sie kommen mit dem Programm „Musikalische Geschichten aus dem Norden“ zum SHMF. Was genau erwartet das Publikum?

Eine sehr filmische und erzählerische Erfahrung. Wir versuchen, mit unserer Musik Geschichten auszudrücken, ohne sie in Worte zu fassen. All diese Stücke sind wie kurze Erinnerungen, aus denen wir Musik gemacht haben. Es ist eine Sammlung von kollektiven Geschichten und Eindrücken, die wir seit Jahren sammeln. Das Publikum erwartet also ein sehr lebendiges, mal fröhliches und mal ernsteres Storytelling.

Obwohl Ihre Stücke ganz ohne Worte auskommen, wirken sie dennoch ungemein narrativ. Wie erwachen diese musikalischen Geschichten zum Leben und welche Rolle spielt dabei die Fantasie der Zuhörer?

Ich denke, das Publikum muss beim Zuhören eine eigene Geschichte finden. Unsere Musik erinnert die Menschen oft an ihre eigenen Erlebnisse. Wenn sie uns lauschen, können sie sich in die Welt hineinträumen, die wir auf der Bühne erschaffen. In diesem Sinne werden unsere Stücke zu den ganz persönlichen Geschichten des Publikums. Wir geben quasi nur die Leinwand vor, aber das eigentliche Bild entsteht in der Vorstellungskraft der Zuhörer – und das funktioniert erfreulicherweise für Jung und Alt gleichermaßen. Natürlich haben wir beim Komponieren unsere eigenen Geschichten im Kopf, aber die behalten wir für uns.

Wenn Sie alte nordische Melodien neu einkleiden – wie viel vom „alten Stoff“ muss erhalten bleiben, damit die Tradition erkennbar bleibt, und wo beginnt für Sie die Neuinterpretation?

Das Alte ist quasi die Seele unseres Spiels. Jeder in der Band ist mit dieser Musik aufgewachsen und bringt enorme Erfahrung mit. Die Tradition fließt also ganz automatisch in unseren Spielstil ein, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken müssen. Die Neuinterpretation entsteht wiederum durch die Einflüsse, die wir aus unserem heutigen Leben mitbringen – etwa aus dem Jazz oder dem Rock.

Bei den Instrumenten kombinieren Sie historische Instrumente wie Nyckelharpa und Hardangerfiedel mit einer modernen Rhythmussektion aus E-Bass und Perkussion. Wie wichtig ist dieser Kontrast zwischen historischen und modernen Klangfarben für den charakteristischen Tailcoat-Sound?

Diese spezielle Instrumentierung macht unseren Sound erst aus. Die Kombination aus modernen Elementen – wie unserer recht ungewöhnlichen Perkussion und dem E-Bass – mit der Mandoline webt einen völlig neuen Klangteppich, den man so noch nicht gehört hat. Für uns funktioniert das auch nur als Quintett; wenn einer von uns fünfen fehlt, geht die authentische Tailcoat-Erfahrung verloren. Es ist das Zusammenspiel aus den hellen und tiefen Tönen der Perkussion, dem schweren, unkonventionellen Bass und den mystischen Obertönen von Nyckelharpa und Hardangerfiedel. Zudem fordern uns die technischen Grenzen der alten Instrumente heraus, ganz neue, untraditionelle Wege zu gehen und frische Ideen zu entwickeln.

Ihr Bandname „Tailcoat“ (Frack) repräsentiert Eleganz, Tradition und eine gewisse formelle Strenge. Warum haben Sie ausgerechnet dieses Symbol als Bandnamen gewählt?

Es ist vor allem ein Zeichen des tiefen Respekts vor unserem Publikum. Die formelle Kleidung eines Fracks ist für uns eine Metapher für Demut. Wir wollen damit zeigen, dass die Zuhörer für uns das Wichtigste sind – für sie spielen wir. Uns liegt viel daran, respektvoll und liebevoll mit der Fantasie des Publikums umzugehen. Der Name steht dafür, den Menschen den Raum für ihre eigenen Erfahrungen zu überlassen. Würden wir beispielsweise in auffälligen Bühnenkostümen auftreten, würde sich das ganze Konzert nur um die Kleidung drehen. Wir möchten aber, dass die Fantasie der Menschen im Mittelpunkt steht. Auch wenn wir auf der Bühne keinen echten Frack tragen, begleitet uns dieser Leitgedanke bei jedem Auftritt.

Sie treten im Rahmen eines klassischen Musikfestivals auf. Erwarten Sie ein eher zurückhaltendes, traditionelles Klassikpublikum oder wird der Abend am Ende zu einer großen Folk-Party?

Hoffentlich fangen wir mit einem klassischen Konzertpublikum an und führen die Zuhörer dann sanft in eine Art „klassische Folk-Party“ über. Wenn die Leute feiern wollen, können sie das tun. Wenn sie sich lieber einfach zurücklehnen, genießen und inspirieren lassen möchten, sind sie dazu genauso herzlich eingeladen.

Das Konzert findet an einem sehr ungewöhnlichen Ort statt: in einem Gewächshaus zwischen Tomaten und Paprika. Welche Assoziationen weckt diese Kulisse bei Ihnen und beeinflusst sie Ihren Auftritt?

Ich finde das absolut großartig. Für uns ist die Natur ein integraler Bestandteil skandinavischer Volksmusik; unsere Stücke wurzeln in den Wäldern und Bergen und im Gefühl, eins mit der Natur zu sein. Außerdem gibt es da eine charmante Parallele: Auf unserem Albumcover sind kleine, neugierige Fabelwesen zu sehen. Ich stelle mir gerne vor, dass diese Kreaturen sich am Konzertabend hinter den Tomatenpflanzen verstecken und gemeinsam mit dem Publikum lauschen. Die Präsenz der Natur an diesem Ort ist für uns eine riesige Inspiration.

Zum Schluss: Warum sollte man dieses Konzert auf keinen Fall verpassen?

Weil es etwas völlig anderes ist, was man so noch nie gehört hat. Es ist eine Musik, die einen auf ganz neue Weise berührt – sie bewegt den Körper ebenso wie den Geist. Man sieht und hört faszinierende Instrumente, die viele vielleicht noch nie zuvor gesehen haben. Und vor allem wird man für die Dauer des Konzerts selbst ein Stück weit Teil der Band. Das macht es zu einem wirklich einzigartigen Erlebnis.


Musikalische Geschichten aus dem Norden
Tailcoat:
Rasmus Brinck, Nyckelharpa
Henriette Ambæk Flach, Violine & Hardangerfiedel
Villads Hoffmann, Mandoline
Emil Ringtved Nielsen, E-Bass
Mårten Hillbom, Percussion

Freitag, 14. August, 19:30 Uhr
Wallmuseum Oldenburg

Samstag, 15. August, 19.30 Uhr
Gut Seehof, Warden

Sonntag, 16. August, 19.30 Uhr
Westhof Bio-Gewächshaus, Wöhrden

Karten unter www.shmf.de und Tel.: 0431 23 70 70