Griechenland-Flair, leuchtende Farben und die unsterblichen Hits von ABBA: Seit dem Kinostart im Jahr 2008 hat die Verfilmung des Musicals „Mamma Mia!“ Millionen Herzen im Sturm erobert. Das Schleswig-Holstein Musikfestival (SHMF) holt den cineastischen Sinnestaumel nun auf die Großbildleinwand – und zwar mit einem besonderen Clou: Das Sinfonische Blasorchester Ratekau bringt die Welthits unter der Leitung von Christoph Liedtke gemeinsam mit einem brillanten Gesangs-Trio live und synchron zum Leuchten. Im Interview spricht der Dirigent über die Kunst, Pop-Klassiker in ein symphonisches Gewand zu kleiden, und die Tücken der sekundengenauen Klick-Technik.

Filme mit Live-Orchester sind beim SHMF keine Seltenheit mehr. Wie entstand die Idee, ausgerechnet den Pop-Kosmos von ABBA auf die große Leinwand und die Konzertbühne in Neumünster zu bringen?
Christoph Liedtke: Das war ursprünglich eine klassische „Corona-Idee“. Man saß damals zu Hause fest und hat sich überlegt, was man Spektakuläres auf die Beine stellen kann, wenn es endlich wieder losgeht. Wir hatten dieses Format mit dem Film und der Live-Musik schon einmal mit großem Erfolg in der Lübecker MuK erprobt, damals im Rahmen eines öffentlich geförderten Projekts. Ein solches Vorhaben ist finanziell und organisatorisch ein gewaltiger Kraftakt: Die Noten müssen alle eigens arrangiert, Lizenzen eingeholt und das Ganze millimetergenau auf den Film abgestimmt werden. Schließlich kam das SHMF auf uns zu. Da der diesjährige Städteschwerpunkt des Festivals Stockholm ist, passt „Mamma Mia!“ natürlich wie die Faust aufs Auge.
Musicalmelodien und Pop-Klassiker gehören fest zum Repertoire Ihres Orchesters. Worin liegt für Sie als Dirigent und Arrangeur die größte Hürde, den typischen ABBA-Sound in den Klangkörper eines Blasorchesters zu übersetzen?
Christoph Liedtke: Popularmusikalische Elemente für klassische oder symphonische Besetzungen zu arrangieren, ist quasi mein Hauptjob. Die größte Herausforderung bei diesem Projekt ist, dass wir komplett ohne die klassische Band-Besetzung auskommen. Wir haben keinen E-Bass, keine E-Gitarre und kein Klavier auf der Bühne. Die Kunst liegt darin, die originalen Parts so auf das Blasorchester zu verteilen, dass der typische Pop-Groove voll da ist, aber gleichzeitig ein eigenständiger, symphonischer Charakter entsteht. Das funktioniert hervorragend. Zudem erlauben wir uns in den neuen Arrangements viele klangliche und soundliche Facetten und Ausschmückungen, die man in der Pop-Version so noch nie gehört hat. Zusammen mit unserem Gesangs-Trio verpassen wir den Songs ein völlig neues Gewand.
Ein Film läuft auf der Leinwand unbarmherzig weiter. Wie stellen Sie sicher, dass die Einsätze der Musiker und des Gesangs-Trios absolut taktgenau mit den Lippenbewegungen von Meryl Streep und Co. übereinstimmen?
Christoph Liedtke: Das ist technisch extrem anspruchsvoll. Dafür nutzen wir eine spezielle Klick-Technik. Es gibt einen sogenannten Klick-Track, der über den gesamten Film läuft und das exakte Tempo vorgibt. Da der Film sehr musicalartig aufgebaut ist, verändert sich das Tempo innerhalb der Songs ständig – darauf mussten wir den Klick-Track präzise programmieren. Unser Tontechniker Hauke Harms hat das perfekt mit uns geplant und umgesetzt. Der Schlagzeuger und ich haben diesen Klick im Ohr. Der Drummer gibt das Tempo vor, und ich kann das Orchester passgenau durch den Film dirigieren.
Tragen die Musikerinnen und Musiker denn ebenfalls Kopfhörer?
Nein, darauf haben wir ganz bewusst verzichtet. Wenn das gesamte Orchester Kopfhörer tragen würde, würde das die gewohnte Klangdynamik und das Zusammenspiel völlig verändern. Das bedeutet aber auch: Das gesamte Orchester muss extrem aufmerksam sein. Sie müssen sich voll und ganz auf mein Dirigat verlassen, um die Einsätze auf die Sekunde genau zu treffen.
Beim SHMF liefen schon Blockbuster wie „Harry Potter“ oder „E.T.“ mit Live-Orchester. Rechnen Sie in Neumünster mit einem klassisch zuhörenden Publikum oder wird der Abend zur großen Pop-Party?
Christoph Liedtke: Ich rechne fest mit beidem! Wir wollen natürlich, dass es eine Party wird. Die Menschen kennen und lieben diese Songs, sie singen automatisch mit. Neben dem treuen Stammpublikum des Festivals erwarten wir einen großen Block eingefleischter ABBA-Fans. Und sicher auch viele Neugierige, die einfach gespannt darauf sind, wie ein symphonisches Blasorchester in diesem modernen Crossover-Kontext klingt.
Sie sind von Haus aus eigentlich Kirchenmusiker für Popularmusik. Wie passt das zu einem Blasorchester, das auch mal Pop-Ganten feiert?
Christoph Liedtke: In die Kirchenmusik bin ich eher so reingerutscht. Eigentlich bin ich Schlagzeuger und Arrangeur, ich habe Drumset, Ensembleleitung und Jazzkomposition studiert. Das Sinfonische Blasorchester Ratekau leite ich nun seit 2008. Die Musizierenden dort sind wahnsinnig kreativ und experimentierfreudig – das überträgt sich natürlich: Wir haben schon mit dem Sänger Joris gearbeitet und 2024 in der MUK das offizielle Eurovision-Song-Contest-Video für Isaak aufgenommen. Wir lieben solche außergewöhnlichen, großen Projekte.
Warum sollte man sich dieses Event auf keinen Fall entgehen lassen?
Christoph Liedtke: Für Fans der Musik von ABBA ist es ein absolutes Muss, Klassiker wie „The Winner Takes It All“, „Slipping Through My Fingers“ oder „Dancing Queen“ in diesem gewaltigen, neuen Gewand zu erleben. Es ist ein optisches und akustisches Erlebnis, ein ganzes Orchester so synchron zu einer traumhaften Filmkulisse agieren zu sehen. Es wird schlichtweg ein riesiger Spaß!
„Mamma Mia“
Fr, 14. August, 19.30 Uhr
Holstenhallen Neumünster
Donata Jan, Gesang
Julia Scheeser, Gesang
Konstantin Busack, Gesang
Christoph Liedtke, Dirigent
Sinfonisches Blasorchester Ratekau
Karten unter www.shmf.de und Tel.: 0431 23 70 70
€ 59 / € 54 / € 47 / € 39 / € 29 / € 19

„Mamma Mia“ – Der Film
Die 20-jährige Sophie (Amanda Seyfried) lebt mit ihrer Mutter Donna (Meryl Streep) auf einer beschaulichen griechischen Insel und wird in Kürze heiraten. Auf der Suche nach ihrem Vater erfährt sie aus dem Tagebuch ihrer Mutter, dass drei Männer in Frage kommen: Sam (Pierce Brosnan), Harry (Colin Firth) und Bill (Stellan Skarsgaard). Unter Vorwand von Sophie eingeladen treffen die drei auf der Insel ein – amüsante Verwicklungen mit der ahnungslosen Donna sind vorprogrammiert.
Regisseurin Phyllida Lloyd breitet mit der Verfilmung des weltberühmten Musicals eine gut gelaunte, Generationen übergreifende Geschichte aus.
Copyright: Universal Pictures