SHMF: Herzschlag Afrika

Sona Jobarteh beim Schleswig-Holstein Musik Festival

Mit einer beeindruckenden Bühnenpräsenz und ihrer charismatischen Stimme schlägt Sona Jobarteh eine Brücke zwischen afrikanischem Erbe und moderner Weltmusik. Die in London geborene gambische Sängerin, Komponistin und Kora-Spielerin gilt als die erste professionelle weibliche Virtuosin auf ihrem Instrument – der traditionsreichen westafrikanischen Stegharfe, die über Jahrhunderte hinweg ausschließlich Männern vorbehalten war. Ihre vielschichtigen Kompositionen verbinden die leuchtenden Klangfarben der Kora mit Elementen aus Soul, Blues und Folk, getragen von einer Band, die pulsierende Rhythmen und feine Improvisationen zu einem unverwechselbaren Sound verschmelzen lässt.

Im Juli gastiert die 42-Jährige mit ihrer Band beim Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF). Wir haben mit ihr über die verbindende Kraft der Musik, gesellschaftlichen Wandel und ihr aktuelles Programm gesprochen.

Die in London geborene gambische Sängerin, Komponistin und Kora-Spielerin Sona Jobarteh kommt nach Schleswig-Holstein. Foto Sona Jobarteh

Ihr Programm trägt den Titel „Badinyaa Kumoo“, was übersetzt „Worte der Einheit“ bedeutet. Was darf das Publikum erwarten?

Sona Jobarteh: Es wird eine Mischung aus Songs meines neuen Albums sein, kombiniert mit ein paar Stücken von meinem vorherigen Album. Der Schwerpunkt liegt jedoch ganz klar auf dem neuen Material. Es handelt sich ausnahmslos um Eigenkompositionen, die ich für dieses Album geschrieben habe. Dabei greife ich tief auf die traditionelle Musik der Mandinka-Kultur zurück, aus der ich stamme.

Wie würden Sie Ihre Musik selbst charakterisieren?

Sona Jobarteh: Das ist eine schwierige Frage, die mir oft gestellt wird. Für mich ist das so, als würde man jemanden fragen: „Wie charakterisierst du deine Art zu sprechen?“ Das ist unglaublich schwer selbst zu analysieren. Am besten können das die Menschen beantworten, die mir zuhören. Musik ist für mich in erster Linie Kommunikation, Übertragung und Wirkung. Als Komponistin setze ich mich nie hin und plane rational, wie ich einen Song zusammensetze. Es ist ein zutiefst ehrlicher, emotionaler und intuitiver Prozess. Mir geht es um die Wirkung, die ich erzielen möchte, nicht um das bloße Zusammenfügen von Einzelteilen.

Sie haben Ihre mitreißende Musik bereits auf den großen Bühnen der Welt präsentiert – etwa in der Hollywood Bowl oder der Royal Albert Hall. Nun spielen Sie beim Schleswig-Holstein Musik Festival, das traditionell eher klassisch geprägt ist. Erwarten Sie in Kiel und Lübeck ein eher zurückhaltendes, klassisches Publikum oder wird es eine große Party?

Sona Jobarteh: Jeder Konzertsaal, jedes Festival und jedes Publikum ist völlig anders. Selbst wenn man zweimal am selben Ort spielt, ist es nie dasselbe. Für mich geht es bei jeder dieser einzigartigen Erfahrungen darum, die Energie und das Gefühl des Publikums im Raum zu spüren. Ich reagiere darauf, um mein wichtigstes Ziel zu erreichen: Menschen im Herzen zu berühren, sie mitzureißen und einzubinden, damit sie mit einem tiefen, bleibenden Erlebnis nach Hause gehen. Das ist die Verantwortung, der ich mich bei jeder einzelnen Show stelle.

Jahrhundertelang war das Spielen der Kora eine reine Männerdomäne der Griots. Wie fühlt es sich an, heute als Pionierin dieses traditionellen Erbes auf den großen Bühnen zu stehen?

Sona Jobarteh: Es ist von enormer Bedeutung. Aber ich sehe darin weit mehr als nur das Beispiel einer Frau in einer traditionellen Männerdomäne im Volk der Mandinka. Für mich ist es ein Symbol für etwas viel Größeres: Es zeigt, wie wichtig es ist, dass Frauen eine aktivere Rolle in allen Bereichen der Kultur und Gesellschaft einnehmen – sei es in der Musik, der Führungsebene, der Politik, der Wirtschaft, der Landwirtschaft oder im Ingenieurswesen. Es geht darum, dass Frauen die Initiative ergreifen und sich neue Wege bahnen, um zu zeigen, welchen essenziellen Beitrag sie für die Gesellschaft leisten können.

In Afrika setze ich mich dafür ganz persönlich und intensiv durch Bildung ein. Mit meiner Akademie möchte ich nicht nur junge Frauen stärken, diese Rollen zu übernehmen, sondern auch Männer im Geist der gegenseitigen Unterstützung erziehen. Schließlich machen Frauen oft die Hälfte oder mehr der Bevölkerung aus. Wenn wir unsere Infrastruktur entwickeln und die Wirtschaft voranbringen wollen, müssen wir das Potenzial von über 50 Prozent unserer Bürger nutzen. Die Kora steht für mich also symbolisch dafür, Frauen den Weg zu ebnen, damit sie den Fortschritt ihrer Gesellschaften aktiv mitgestalten können.

Historisch gesehen sind die Griots die Hüter der Geschichte. Welche Geschichten möchten Sie Ihrem Publikum in erster Linie erzählen?

Sona Jobarteh: Jeder Song auf dem Album „Badinyaa Kumoo“ repräsentiert ein Thema, an dem ich auch abseits der Bühne aktiv arbeite, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Das Album spiegelt verschiedene Bereiche meines Lebens wider. Das Herzstück meiner Arbeit – noch vor der Musik – ist meine Akademie. Dort engagieren wir uns für die Ausbildung heranwachsender Menschen und die Entwicklung relevanter Lehrpläne.

In den Songs geht es um die Stärkung von Frauen, aber auch um die Frage, was „Einheit“ eigentlich bedeutet. Einheit ist für mich kein rein ideologisches Konzept, sondern eine Handlung. Sie entsteht nicht, nur weil wir uns danach sehnen, sondern erfordert strukturelle Veränderungen in Wirtschaft, Führung und Regierungsführung. Genau dafür kämpfe ich an der Basis, indem ich jungen Menschen von klein auf vermittle, wie tief Einheit in einer Gesellschaft verwurzelt sein muss. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Bildungsreform. Ein Song widmet sich der Notwendigkeit, Lehrpläne so umzugestalten, dass sie den tatsächlichen Bedürfnissen der afrikanischen Jugend entsprechen, damit sie in ihrer Heimat erfolgreich sein können. Leider verlassen derzeit viele junge Menschen ihr Land, nur um irgendwo das nackte Überleben zu sichern. Das muss sich dringend ändern, und zwar durch unsere eigenen Bildungssysteme.

Sie sind in London geboren, leben aber tief verwurzelt in der gambischen Tradition. Wie beeinflusst dieser ständige kulturelle Dialog zwischen Europa und Westafrika Ihre Kompositionen?

Wenn ich auf der ganzen Welt spiele – gerade vor Menschen, die vielleicht noch nie etwas über Afrika gehört haben –, wünsche ich mir vor allem eines: gegenseitigen Respekt, Bewunderung und das Verständnis, dass unsere Lebenswege sich gar nicht so sehr von Ihren unterscheiden. Am Ende gehören wir alle zur selben Menschheit. Die Bedürfnisse nach einer guten Bildung oder Gleichberechtigung dürfen kein Privileg einzelner Nationen sein. Wenn man meine Botschaft auf einen Punkt bringen will, dann sind es Gleichheit, gegenseitiger Respekt und Verständigung.

Warum sollte man das Konzert auf keinen Fall verpassen?

Sona Jobarteh: Ich glaube, alles, was ich bis hierhin gesagt habe, beantwortet die Frage bereits: Ein solches Konzert ist eine Reise für sich. Es ist nicht nur ein musikalisches Erlebnis, sondern etwas viel Tieferes und Bedeutungsvolleres.

Herzschlag Afrika
Sona Jabarteh und Band
24. Juli, 19:30 Uhr
Kulturwerkt Gollan, Lübeck

25. Juli, 19:30 Uhr
Freilichtbühne Krusenkoppel, Kiel

Karten unter www.shmf.de oder Tel.: 0431 23 70 70