Moritz Görg über das Programm des Michaelis Consort beim SHMF im Meldorfer Dom
Königin Christina von Schweden revolutionierte ab 1644 das kulturelle Hofleben in Stockholm. Als großzügige Kunstmäzenin engagierte sie Musiker aus ganz Europa. Über vier Generationen hinweg trug die Hofkapellmeister-Familie Düben dabei eine Sammlung von Kompositionen zusammen, die heute als eine der weltweit bedeutendsten Originalquellen für die Musik des 17. Jahrhunderts gilt. Aus diesem Fundus hat das renommierte Michaelis Consort ein Programm fürs Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) destilliert, das am 5. August im Meldorfer Dom erklingt.
Im Gespräch verriet Barocktrompeter und Hochschuldozenten Moritz Görg, worauf darf sich das Publikum freuen darf.

Moritz Görg: Das Publikum darf sich auf ein echtes höfisches Musikfest freuen. Als ich vor einem Jahr überlegt habe, was wir für die beiden Konzerte beim SHMF auf die Beine stellen könnten, kam mir die berühmte Dübensammlung in den Sinn. Sie besteht aus über 2.000 Instrumental- und Vokalwerken. Dank dieser Sammlung kennen wir heute großartige Werke von Dietrich Buxtehude oder Johann Heinrich Schmelzer, aber auch von italienischen Komponisten wie Nicolaus Milani und Vincenzo Albrici. Ich bin in diesem Archiv sozusagen auf Schatzsuche gegangen und habe ein rein barockes Programm zusammengestellt.
Wie wählt man aus einem Pool von über 2.000 Werken die Stücke für ein einziges Konzert aus?
Das hat in der Tat viel Zeit in Anspruch genommen, weil die Sammlung unglaublich viele musikalische Perlen enthält. Unsere Besetzung hat uns jedoch bereits einen klaren Weg vorgegeben. Wir spielen mit zwei Trompeten, zwei Zinken, drei Posaunen, zwei Geigen und einer sehr groß besetzten Continuo-Gruppe aus Violine, Viola da Gamba, Fagott und Orgel. Damit fielen alle Gesangswerke natürlich von vornherein weg. Ein paar Stücke kannte ich zudem schon und zähle sie zu meinen absoluten Lieblingswerken – etwa eine wunderbare Sonata von Schmelzer. Den Rest der Sammlung bin ich online durchgegangen; glücklicherweise sind alle Autographen und Faksimiles digital einsehbar. So kristallisierte sich nach und nach ein vierblöckiges Programm heraus.
Sie sind Spezialist für Historische Aufführungspraxis. Wo endet bei der Arbeit mit solchen Originalquellen die Rekonstruktion und wo beginnt die eigene künstlerische Freiheit? Gerade im Barock wurde ja viel improvisiert.
Die Alte-Musik-Szene ist bekannt dafür, extrem flexibel zu sein. Wir haben beispielsweise eine Chaconne im Programm, bei der die Continuo-Gruppe eine immer gleichbleibende Basslinie spielt. Darüber dürfen und müssen die Instrumentalisten ganz frei und verzierend improvisieren. Dennoch wollen wir natürlich das transportieren, was der Komponist vorgesehen hat. Glücklicherweise gibt es viele historische Traktate und Lehrwerke aus der Zeit. Sie dienen uns als Hilfsmaterial und zeigen genau, wie man damals verziert oder Noten verändert hat, ohne dass der Komponist im Nachhinein sauer auf uns wäre, wenn er es hören könnte.
Sie unterrichten an verschiedenen Musikhochschulen. Ist es schwer, jungen Studierenden diese alte Musik so zu vermitteln, dass sie für das heutige Ohr frisch und relevant klingt?
Ich glaube gar nicht, dass das so schwer ist. Die Hauptaufgabe besteht darin, diese Musik so farben- und kontrastreich wie nur möglich zu gestalten. Historische Instrumente bieten eine enorme klangliche Flexibilität. Im Vergleich zu modernen Instrumenten sind die Barockinstrumente in ihrer Handhabung oft viel sensibler und modularer im Klang. Viele unserer Studierenden spielen ein modernes Instrument im Hauptfach und nehmen ein Barockinstrument als Nebenfach hinzu – etwa moderne Trompete und Barocktrompete. Sie merken meistens sehr schnell, wie leicht sich diese alte Musik zum Leben erwecken lässt, wenn man sich auf den Klang einlässt.
Sie selbst spielen auch das seltene Corno da tirarsi, ein barockes Zug-Horn. Das bleibt bei diesem Konzert allerdings zu Hause. Warum?
Das Corno da tirarsi kam fast ausschließlich bei Kompositionen von Johann Sebastian Bach zum Einsatz. Bach wiederum ist in der schwedischen Dübensammlung nicht vertreten. Da wir uns konsequent an diese Quelle halten, bleibt das Horn diesmal im Koffer. Dafür bringen wir andere Raritäten mit. Das für mich persönlich schönste Instrument im Ensemble ist die Viola da Gamba. Sie stammt überraschenderweise von den Zupfinstrumenten ab, also aus der Lautenfamilie. Irgendwann kam man auf die Idee, dieses Instrument zwischen die Beine zu klemmen und mit einem Bogen zu streichen. Eine weitere Besonderheit unseres Programms ist die seltene Kombination aus Zinken und Trompeten. Es gab historisch nur ein ganz kurzes Zeitfenster, in dem diese beiden Instrumente nebeneinander existierten, bevor der Zink verdrängte wurde und die Trompete die Konzertbühnen komplett übernahm. Es gibt im Konzert also auch optisch einiges zu entdecken.
Der Meldorfer Dom ist ein beeindruckender Bau, aber unter Musikern auch berüchtigt für seine Akustik. Haben Sie Sorge, dass die historischen Instrumente in den hinteren Reihen untergehen?
Ich kenne den Dom bislang nur von einem Konzert aus meiner eigenen Studienzeit, das ist schon etwas her. Wir nutzen die Anspielproben vor Ort immer sehr intensiv, um genau auf den Raum zu reagieren. Bei uns Trompetern macht es zum Beispiel schon einen gewaltigen Unterschied, wenn man den Winkel des Schallbechers nur um 10 oder 15 Zentimeter verändert. Dadurch bricht und verteilt sich der Schall im Kirchenraum völlig neu. Außerdem haben wir das Programm so angelegt, dass wir aus unterschiedlichen Positionen in der Kirche spielen. Wir verteilen uns im Raum und so wird garantiert jeder Zuhörer, egal auf welchem Platz, einmal die perfekte Akustik erleben.
Sie sind sowohl als Solist als auch als Kammermusiker unterwegs. Was macht Ihnen mehr Spaß?
Beide Welten befruchten sich gegenseitig. Ich liebe das gemeinsame Musizieren in der Gruppe, diesen positiven Geist im Ensemble aufzusaugen, wenn alle dasselbe Ziel verfolgen. Auf der anderen Seite reizt es mich natürlich genauso, als Solist vor einem Orchester zu stehen. Ich könnte niemals sagen, was mir mehr Spaß macht. Genau diese enorme Flexibilität ist doch das Schöne am Leben als freischaffender Musiker.
Konzert-Informationen auf einen Blick
Mi, 5. August, 19.30 Uhr
Michaelis Consort
„Höfisches Musikfest – Royaler Glanz“ mit Werken aus der Stockholmer Düben-Sammlung
Karten unter www.shmf.de und Tel.: 0431 23 70 70
Preise: € 49 / € 43 / € 25 / € 15