Schauspieler Hanno Friedrich über das kontrollierte ABBA-Chaos in Brunsbüttel

ABBA – von vielen innig geliebt, von manchen etwas kritisch beäugt, fest steht jedoch: An diesen Popgiganten kommt man einfach nicht vorbei. Die musikalisch-kabarettistische Antwort auf die ABBA-Begeisterung liefern Theaterstar Tilo Nest (Berliner Ensemble), Pop-Professor Alexander Paeffgen und TV-Schauspieler Hanno Friedrich (bekannt aus dem SAT.1-Erfolgsformat „Sechserpack“) mit ihrem Programm „ABBA jetzt“! im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) am 27. August im Elbeforum Brunsbüttel.

Wir haben vorab mit Hanno Friedrichs über das Programm gesprochen.

Tilo Nest, Alexander Paeffgen und TV-Schauspieler Hanno Friedrich kommen mit ihrem Programm „ABBA jetzt“! im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) am 27. August ins Elbeforum Brunsbüttel. Foto Sebastian Hoppe

Im Rahmen des SHMF gastieren Sie am 27. August mit „ABBA jetzt!“ im Elbeforum Brunsbüttel. Eine klassische Tribute-Show dürfen die Zuschauer aber wohl eher nicht erwarten, oder? Worauf darf sich das Publikum stattdessen freuen?

Das Publikum darf sich auf völlig überraschende Neuinterpretationen von superbekannten Welthits freuen. Dazu kommt eine geballte Ladung Interaktion zwischen uns drei Männern auf der Bühne – und die geht zwischendurch auch mal ordentlich nach hinten los.

Ist Ihr Programm eher eine liebevolle Hommage an die schwedischen Pop-Giganten oder bereits eine Demontage?

Im Kern ist es natürlich eine Hommage. Das war auch unsere allererste Uridee. Als wir damals zu dritt – als zwei Sänger und ein Pianist – an den Stücken gearbeitet haben, stellten wir rasch fest, was für fantastische Kompositionen das eigentlich sind. Und mit solch grandiosen Werken kann man eben unglaublich viel anstellen, weil sie so komplex aufgebaut sind. Wir haben uns diese Songs mit großem Respekt, aber eben auch mit einer gehörigen Portion Frechheit geschnappt und sie quasi neu erfunden. Das Schöne ist: Sie bleiben trotzdem alle sofort wiederzuerkennen.

Sie verfremden die schwedischen Evergreens virtuos zu Hip-Hop, Madrigal, Flamenco, Heavy Metal und vielem mehr.  Gibt es denn einen ganz persönlichen Lieblingssong, an den Sie sich aus purem Respekt niemals herantrauen würden?

Den gibt es – und genau den haben wir konsequenterweise auch gar nicht erst im Programm drin. Mein absoluter Favorit ist „The Day Before You Came“. Ein wunderbares Stück.

Viele Kritiken loben explizit Ihre feine Balance aus musikalischer Präzision und kompletter Albernheit. Wie schmal ist dieser Grat zwischen einer gekonnten Parodie und billigem Klamauk?

Ich würde behaupten: Wenn man das Sujet – also die Musik und die Vorlage – im Grunde immer noch wirklich ernst nimmt und mit echter Liebe behandelt, dann dürfen die Pegelausschläge in Richtung Quatsch ruhig extrem hoch sein. Wir gehen niemals unter die Gürtellinie und machen keine billigen Witze. Der Klamauk entsteht vielmehr organisch aus der Interaktion der beiden Schauspieler auf der Bühne. Ungefähr ab Song Nummer drei rutschen wir da in einen handfesten Streit hinein. Das widerfährt den Figuren im Moment des Spiels. Dadurch entstehen diese Situationen, die so wirken, als würden sie live völlig aus dem Ruder laufen.

Wie viel von dem Abend ist exakt durchchoreografiert und wie viel entsteht spontan?

Während der Songs selbst ist das meiste schon sehr strikt in dem Urzustand, wie wir es damals geprobt und uns gedacht haben. Was allerdings dazwischen passiert – die Überleitungen und Moderationen – , da wissen wir zwar um unsere dramaturgischen Eckpfeiler, aber wir schaffen es tatsächlich, uns darin seit Jahren und Jahrzehnten immer wieder gegenseitig zu überraschen. Es entsteht jeden Abend etwas völlig Neues, oft auch für uns völlig Unvorhersehbares, wo wir dann selbst auf der Bühne drüber lachen müssen. Abseits der nötigen Eckpfeiler für die Dramaturgie fühlen wir uns da absolut frei.

ABBA erlebt gerade durch TikTok, die Kinofilme „Mamma Mia“ oder die gigantische Avatar-Show in London einen massiven Hype bei einer ganz neuen Generation. Spüren Sie diesen frischen Wind auch in Ihren Zuschauerreihen?

Ja, und darüber staunen wir selbst immer wieder Bauklötze. Wenn da plötzlich 17- oder 18-Jährige sitzen, von denen man genau weiß: Ihr konntet die aktive Zeit überhaupt nicht miterlebt haben, ihr müsst das über eure Großeltern kennengelernt haben. Es ist genau wie Sie sagen: Die Präsenz von ABBA ist über die Jahrzehnte nicht weniger geworden, vielleicht ist sie heute sogar noch präsenter denn je. Für die jungen Leute gehört das längst ganz selbstverständlich zum großen Popkanon, und dementsprechend hören sie es auch wieder.

Ihr Gastspiel in Brunsbüttel bettet sich in ein Festival ein, das sich traditionell eher an klassisch orientierte Zuhörer richtet. Wie reagieren die Klassik-Puristen auf Ihre wilden Genre-Sprünge – und wie reagieren die eingefleischten ABBA-Fans?

(lacht) Wir haben oft die Erfahrung gemacht, dass gerade die ganz großen ABBA-Fans in den ersten 30 bis 40 Minuten fast schon erbost darüber sind, was wir da veranstalten. Das erfahren wir dann meistens erst hinterher, weil ein Freund oder Familienmitglied neben ihnen saß. Aber das Großartige ist: Genau diese Zuschauer sind am Ende oft die Allerersten, die aufstehen und applaudieren. Irgendwie kriegen wir mit der Musik am Ende immer die Kurve. Außerdem kommen wir rein optisch wie ein klassisches Programm daher: Wir sind drei Männer, die im edlen Frack auftreten, unser Pianist Alexander Paeffgen spielt an einem großen Flügel. Visuell passen wir also hervorragend in ein Klassikfestival. Ansonsten lassen wir uns einfach genauso überraschen wie das Publikum selbst.

Sie selbst kommen stark aus dem Schauspiel und der Comedy, drehen viel fürs Fernsehen oder aktuell für die Serie „Rote Rosen“ in Lüneburg. Was gibt Ihnen die Theaterbühne, was die Kameraarbeit Ihnen nicht bieten kann?

Die Bühne ist immer viel unmittelbarer, viel lebendiger. Und sie ist herrlich kompromisslos. Beim Film kann man sagen: „Komm, wir machen das noch mal neu.“ Auf der Bühne geht der Vorhang hoch, die Kiste rollt und es gibt kein Zurück mehr. Man befindet sich in diesem Mikro-Moment in einem Paralleluniversum, aus dem man die nächsten Stunden nicht mehr austritt. Das finde ich viel aufregender als die Kameraarbeit, die zwar sehr intim und feiner ist – aber der ganz große Spaß ist und bleibt für mich immer die Bühne.

Zum Schluss gefragt: Warum sollte man sich diesen Abend im Elbeforum auf gar keinen Fall entgehen lassen?

Weil gerade so viel Disruption, Ärger und Wut in der Welt herrschen, dass man bei uns höchstwahrscheinlich zweieinhalb Stunden lang all das komplett vergessen kann. Man geht danach garantiert mit einem Lächeln nach Hause.

Do, 27. August, 19.30 Uhr
ABBA jetzt!
Elbeforum Brunsbüttel
Karten unter
www.shmf.de und Tel.: 0431 23 70 70
€ 49 / € 39 / € 29 / € 15