SHMF: Blockflöten-Virtuosin Lucie Horsch: „Man muss mutig sein, damit die Musik lebendig bleibt“

Mit ihrer sehr direkten, energetischen Art bricht die niederländische Blockflöten-Virtuosin Lucie Horsch mit dem braven, angestaubten Image ihres Instruments. Im Juli gastiert das Ausnahmetalent gemeinsam mit dem renommierten B’Rock Orchester beim Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF). Im Gespräch mit Andreas Guballa verriet die Künstlerin, was das Publikum erwartet.

Blockflöten-Virtuosin Lucie Horsch. Foto Marco Borggreve

Sie haben das traditionell eher brave Image der Blockflöte gründlich entstaubt. Mögen Sie verraten, wie Sie selbst als Kind zu diesem Instrument gekommen sind?

Das war eigentlich ein Stück weit Zufall; es hätte damals gut und gerne auch ein ganz anderes Instrument sein können. In meiner Familie war Musik völlig normal, sie war einfach überall präsent. Meine Eltern sind beide professionelle Cellisten, und mein vier Jahre älterer Bruder spielt Geige. Ich selbst habe dann mit fünf Jahren mit dem Blockflötenunterricht begonnen. Wichtig ist mir aber, dass dies absolut meine eigene Wahl war. Es war keineswegs so, dass meine Eltern sagten: „Mensch Lucie, fang doch mal mit der Blockflöte an“. Die Idee stammte ganz allein von mir, inspiriert durch zwei ältere Mädchen an meiner Grundschule. Ich hatte sie beim Vorspielen gehört und erklärte meinen Eltern daraufhin sofort: „Ich möchte ganz gerne Blockflöte lernen“. Da meine Eltern selbst Musiker sind, wussten sie natürlich genau, wie entscheidend ein guter Lehrer gerade am Anfang ist, um die richtige Motivation als Kind zu bekommen. Sie hörten sich um, fanden den Lehrer dieser beiden Mädchen an der Musikschule, und so ging das Abenteuer mit fünf Jahren los.

Viele Menschen verbinden mit der Blockflöte mühsame erste Gehversuche in der Schule. Wann wurde Ihnen bewusst, welches Potenzial wirklich in dem Instrument steckt?

Das ging tatsächlich sehr schnell. Mir wurde rasch deutlich, dass mit der Blockflöte viel mehr möglich ist, als man gemeinhin annimmt. Meine Eltern wussten das vorher übrigens auch nicht. Sie teilten dieselben Vorurteile, die selbst unter professionellen Musikern leider immer noch weit verbreitet sind. Aber quasi Hand in Hand mit mir haben sie damals entdeckt, wie unendlich groß die stilistische Bandbreite ist. Es gibt eben nicht nur diese allgegenwärtige Sopranblockflöte aus Plastik. Es gibt wunderschöne, handgemachte Holzinstrumente in allen erdenklichen Tonarten und Stimmungen.

Nerven Sie diese Vorurteile heute eigentlich noch, oder sehen Sie es mittlerweile als Ihre persönliche Aufgabe an, diese Barrieren in den Köpfen des Publikums einzureißen?

Ehrlich gesagt ärgert es mich überhaupt nicht, was andere Leute über mein Instrument denken. Für mich stand immer fest: Am wichtigsten ist die Musik. Die Blockflöte ist einfach ein ganz tolles Instrument, aber mit dem Instrument macht man Musik. Wenn man die Musik gut kommuniziert, werden die Zuhörer im Saal automatisch überzeugt. Ich möchte allerdings auch keine Streiterin für mein Instrument werden. Ich glaube, es ist immer gefährlich, wenn man versucht, Dinge aus einer Frustration heraus zu zeigen. Ich konzipiere meine Konzertprogramme lieber so vielseitig wie möglich. Ich möchte dem Publikum die ganze Bandbreite an Klangfarben zeigen. Das hilft den Menschen beim Zuhören und bricht die falsche Vorstellung auf, dass man auf der Blockflöte nur eine Telemann-Sonate spielen kann. Die Blockflöte ist kein Einzelinstrument, sondern eine echte Instrumentenfamilie – ähnlich wie die Perkussion. Wenn meine Konzerte dazu beitragen, dieses Image ein bisschen aufzuwerten, freut mich das als Extra-Bonus.

Sie spielen 25 verschiedene Blockflöten aus unterschiedlichen Epochen. Welche Instrumente packen Sie für das Konzert beim Schleswig-Holstein Musik Festival ein und wonach entscheiden Sie das?

Manchmal ist es eine rein praktische Entscheidung, weil ein Stück ein ganz bestimmtes Register verlangt. Da ich sehr oft Bearbeitungen spiele – also Stücke, die ursprünglich für Oboe oder Querflöte geschrieben wurden -, muss man ohnehin kreativ mit dem Material umgehen. Bei zeitgenössischer Musik versuche ich immer, zuerst die Intention des Komponisten zu verstehen, um dann das Instrument auszuwählen, das die geforderte Atmosphäre und den Klang am besten trifft. In der Barockmusik hingegen geht es stark um die akustische Balance. Telemann hat phänomenale Konzerte für die Altblockflöte geschrieben, weil er selbst ein fantastischer Spieler war und genau wusste, wie er die Blockflöte in einer höheren Lage über dem Orchester ansetzen muss, damit die Balance natürlich funktioniert. Wenn ich allerdings mit einem modernen Orchester spiele, das keine historischen Darmsaiten nutzt, weiche ich lieber auf die Sopran- oder Sopraninoblockflöte aus, da die höhere Tonlage das Balanceproblem von Natur aus löst. Beim SHMF spiele ich zum Glück mit dem „B’Rock Orchester“ zusammen. Da dort auf historischen Instrumenten mit Darmsaiten musiziert wird, harmonieren meine Flöten, die allesamt nach historischen Modellen gebaut sind, völlig mühelos.

Das „B’Rock Orchester“ ist für seinen sehr eigenwilligen, fast schon rebellischen Ansatz in der historischen Aufführungspraxis bekannt ist. Was ist das verbindende Element zwischen Ihrem Spiel und der Energie des Ensembles? Ist es der gemeinsame Wille, den Staub von den alten Partituren zu blasen?

Was mir an „B’Rock“ unglaublich gut gefällt, ist ihr unbändiger Enthusiasmus. Sie betrachten die Musik mit frischen Augen und wollen wirklich alles herausholen, was in einer Partitur steckt. Das hat etwas Revolutionäres, weil man dafür unheimlich mutig sein muss. Gerade in der Barockmusik muss man klare Entscheidungen treffen. Wenn man feige in der Mitte bleibt und keine Entscheidung wagt, kommt die Musik schlichtweg nicht zur Geltung. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass „B’Rock“ keinen Unterschied zwischen den Stilen macht: sie begegnen zeitgenössischer Musik mit derselben Einstellung wie alter Musik. Das verbindet uns sehr. Als Blockflötistin darf man sich ohnehin nicht nur auf Barockmusik beschränken, dafür ist die reine Quantität gar nicht groß genug. Man muss über den Tellerrand schauen, kreativ arrangieren und verschiedene Stile von Volksmusik bis zur Moderne beherrschen.

Die Presse feiert Sie regelmäßig als „Blockflöten-Queen“. Ist so eine Bezeichnung für Sie eine schöne Anerkennung oder eher eine nervige Klischee-Schublade, gegen die Sie anspielen müssen?

Das ist in der Tat ein interessantes Dilemma. Zum Glück stammen solche Marketingbezeichnungen nicht von mir. Ich lasse die Leute diese Sticker aufkleben, das ist nicht meine Baustelle. Ich bin sehr jung auf der Bühne gestartet und wurde jahrelang in die Schublade „Young Talents“ gesteckt. Komischerweise fühle ich mich heute fast jünger als damals, als ich wirklich noch jung war. Die Menschen brauchen anscheinend diese Strukturen und Schubladen, um zu verstehen, was sie mit einem anfangen sollen. Sie kleben ein Etikett auf dich, um dich einzuordnen. Aber ein einzelner Sticker kann einem Menschen niemals gerecht werden. Die „Blockflöten-Queen“ ist vielleicht ein kleiner Aspekt meiner Persönlichkeit, aber ganz sicher nicht das Ganze. Ich selbst würde mich niemals so nennen.

Werfen wir einen Blick auf das Konzertprogramm. Worauf darf sich das Publikum im Meldorfer Dom freuen?

Wir werden unter anderem ein Flötenkonzert sowie eine festliche Suite aus der Drottningholm-Musik des schwedischen Komponisten Johan Helmich Roman spielen. Das ist fantastische, ungemein lebendige Musik, die eine große Verwandtschaft zu Georg Friedrich Händel aufweist. Roman hat damals sogar in Händels Opernorchestern in London gespielt. Ich habe diese Musik erst entdeckt, als Albert Edelmann, der künstlerische Leiter von „B’Rock“, mir schrieb, dass das ein Programm mit Stockholm-Schwerpunkt machen möchte. Die Drottningholm-Musik wurde ursprünglich für eine Hochzeit komponiert. Sie ist lebendig, feierlich, hat kurze Sätze und erinnert charakterlich sehr an die Orchestersuiten von Johann Sebastian Bach. Da das Gesamtwerk im Original aus 32 Sätzen besteht und über zwei Stunden dauert, haben wir für das Konzert eine eigene, dichte Suite daraus zusammengestellt. Außerdem bringen wir ein Konzert von Telemann sowie Werke von Vivaldi und Corelli auf die Bühne. Telemann hat meisterhaft für mein Instrument geschrieben, seine Virtuosität liegt unheimlich komfortabel in der Hand. Bei Vivaldi hingegen ist es wirklich vertrackt und technisch extrem schwer zu spielen, holt dafür aber auch alle technischen Aspekte aus dem Instrument heraus. Es wird ein absolut feuriges Barockprogramm, bei dem ich so viele verschiedene Blockflöten wie möglich zum Einsatz bringen werde.

Festliche Flötenklänge

Samstag, 11. Juli, 19.30 Uhr
Michaeliskirche Kaltenkirchen

Sonntag, 12. Juli, 19.30 Uhr
Meldorfer Dom
Karten online unter www.shmf.de und telefonisch unter 0431 23 70 70