Paul McCartneys „Liverpool Oratorio“ mit 600 Musizierenden in Neumünster

Gigantisches Chor-Projekt mit Unterstützung aus Dithmarschen

Sänger Sönke Tams Freier bringt das Liverpool Oratorium in die Holstenhallen Neumünster – ein Mammutprojekt mit 16 Chören, darunter dem Meldorfer Domchor und Robins Echo aus Marne, und dem Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchester. Foto Mssohie

Es beginnt, wie viele große Projekte beginnen: mit einer Schnapsidee. Zum 130. Geburtstag des Glückstädter Männerchors vor etwa drei Jahren legte dessen erster Vorsitzender Rolf Nedebock dem Chorleiter Sönke Tams Freier die Partitur des Liverpool Oratoriums von Paul McCartney hin. Für einen Männerchor nicht das naheliegendste Repertoire: das Werk ist für gemischten Chor und großes Orchester geschrieben. „Ich habe das natürlich für einen Scherz gehalten“, sagt Tams Freier und lacht. Aber die Idee ließ ihn nicht los.

Was daraus geworden ist, lässt sich am kommenden Samstag in den Holstenhallen Neumünster erleben: Rund 500 Chorsängerinnen und -sänger aus 16 Chören, begleitet von Solisten und dem Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchester (SHSO), werden McCartneys selten gespieltes Oratorium auf die Bühne bringen – in einem Format, das es in dieser Größenordnung wohl noch nicht gegeben hat.

Von Glückstadt in die Carnegie Hall des Nordens

Dass die Wahl auf die Holstenhallen fiel, hat einen schlichten Grund: Wenn fast 600 Menschen auf einer Bühne stehen sollen, braucht es Platz. SHMF-Intendant Dr. Christian Kuhn nennt die Halle gern die „Carnegie Hall des Nordens“, auch wenn der Vergleich akustisch ein wenig kühn ist. Denn die ehemalige Vieh-Auktionshalle ist keine Konzertstätte im klassischen Sinne – und das ist eine der größten Herausforderungen des Abends. „Natürlich muss man irgendwo Abstriche machen“, räumt Tams Freier ein. Sein Lösungsansatz: Statt der klassischen Stirnseite wählen die Akteure die Längsseite der ovalen Halle. Eine erfahrene Tontechnikfirma wird den Klang stützen, damit auch in den letzten Reihen ein ausgewogener Mix ankommt. Hinzu kommen Kosten, die ein solches Großprojekt zwangsläufig mit sich bringt: Die Halle will gemietet, Technik und Beleuchtung müssen von Grund auf eingeplant werden. Finanzielle Unterstützung leisten die Kulturstiftung Schleswig-Holstein und der Chorverband Schleswig-Holstein. Wer das Projekt fördern möchte, ohne selbst dabei sein zu können, hat die Möglichkeit, ein Supporter-Ticket für 25 Euro zu erwerben. Schirmherr des Projekts ist der Bundestagsabgeordnete Mark Helfrich aus Itzehoe, der auch den Kontakt zum Landestheater und damit zum Sinfonieorchester herstellte.

Mitglieder des Meldorfer Domchors proben mit Kantorin Giulia Corvaglio für das Liverpool Oratorio. Foto Guballa

Zu den Mitwirkenden zählt auch der Meldorfer Domchor und dessen Kantorin Giulia Corvaglia, die an der Orgel eine zentrale Rolle einnimmt. Beide kennen sich aus dem Musikstudium in Lübeck. Tams Freier hat als Solist bei zahlreichen Chorprojekten im Dom sowie als Solist bei den Internationalen Sommerkonzerten mitgewirkt. Aktuell betreiben er und seine Frau Stimmbildung im Kinderchor der Kirchengemeinde. Außerdem auf der Bühne der Marner Charitychor „Robins Echo“.Domc

Proben in Hamburg, MIDI-Dateien zu Hause

Wie koordiniert man 500 Sänger aus 16 verschiedenen Chören? Tams Freier hat dafür ein pragmatisches System entwickelt: MIDI-Dateien, bei denen jede Stimme einzeln hervorgehoben werden kann, ermöglichten das Einstudieren zu Hause. Im Februar versammelten sich rund 150 Sängerinnen und Sänger in Hamburg zu einer ersten freiwilligen Chorprobe – „entspannt, um einfach mal gemeinsam durch das Stück zu gehen“. Mitte März folgte eine zweite, ernstere Probe. Die Chorhauptprobe unmittelbar vor dem Konzert übernahm schließlich Generalmusikdirektor Harish Shankar vom SHSO, nur begleitet vom Klavier.

Entstanden ist das Werk 1991 in Zusammenarbeit mit Carl Davis zum 150-jährigen Bestehen des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra. Es gilt als McCartneys erster großer Ausflug in die klassische Musik und wurde in der Liverpool Cathedral uraufgeführt. Inhaltlich erzählt das Werk in acht Teilen die Geschichte einer Figur namens Shanty. Eine Reise von der Geburt im Liverpool der Kriegsjahre über Kindheit, Liebe, Zweifel und Verlust bis hin zu Versöhnung und Hoffnung. Es ist ein Werk, das McCartneys eigene Herkunft spiegelt und persönliche Lebensstationen mit universellen Themen wie Glaube, Gemeinschaft und Neubeginn verwebt.

Bei aller Begeisterung für das Event schwingt für die Organisatoren ein ernster Unterton mit. Das Projekt ist für Tams Freier ein Ausrufezeichen gegen das leise Verstummen der Chorgemeinschaften, besonders in kleineren Städten. „Es wäre wahnsinnig schade, wenn Traditionen, die seit über einem Jahrhundert bestehen, einfach wegbrechen“, sagt er. Der Chorgesang habe oft noch mit dem verstaubten Image von Kneipe, Bier und reinem Männergesang zu kämpfen. Dabei seien die Projekte, die heute entstehen, anspruchsvoll und faszinierend. „Wir wollen zeigen: Chorsingen ist modern, es ist gemeinschaftsstiftend und es ist ein tolles Erlebnis, mit so vielen Menschen zusammen etwas Großes zu schaffen“.

Und Paul McCartney? Die Nachricht einer möglichen Anwesenheit des Komponisten geistert seit einiger Zeit durch die Medien. Die Gerüchte halten sich hartnäckig. Ob der „Beatle“ tatsächlich in Neumünster aufkreuzt, bleibt offen. Das Management sei informiert, und man arbeite daran, die Nachricht von der außergewöhnlichen Aufführung an den Musiker zu tragen. Doch für Tams Freier steht das Erlebnis im Vordergrund: „Dass wir hier ein selten gespieltes Werk mit 500 Sängern und großem Orchester auf die Bühne bringen – das ist für sich genommen schon ein einmaliges Ereignis, unabhängig von prominenten Gästen“.

Liverpool Oratorio
Samstag, 13. Juni, 19.30 Uhr
Holstenhallen Neumünster
weitere Infos und Tickets unter https://www.liverpooloratorio.de/