Brahms-Preis 2026: Demokratie in vier Stimmen

Der Brahms-Preis 2026 geht an das Mandelring Quartett. Damit zeichnet die Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein erstmals ein reines Streichquartett aus und setzt in politisch unruhigen Zeiten ein Zeichen für das demokratische Miteinander. Die Verleihung des Brahms-Preises findet am 26. September 2026 um 19 Uhr in der St. Bartholomäus Kirche Wesselburen statt.

Das Mandelring-Quartett ist der Brahms-Preisträger 2026. Foto Uwe Arens

Die 1987 gegründete Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein verleiht seit 1988 alljährlich den Brahms-Preis an herausragende Persönlichkeiten, Interpreten und Institutionen, die sich um das Werk von Johannes Brahms auf besondere Weise verdient gemacht haben. Wer sich die Fotos der Brahms-Preisträger im Brahmshaus auf Lüttenheid ansieht, entdeckt unweigerlich große Namen der Klassikwelt. Dort finden sich Dirigenten wie Leonard Bernstein und Herbert Blomstedt, Sänger wie Thomas Quasthoff und Dietrich Fischer-Dieskau oder Geigenvirtuosinnen wie Anne-Sophie Mutter und Midori.

Mit der Verleihung des mit 10.000 Euro dotierten Preises an das Mandelring Quartett rückt in diesem Jahr eine Gattung in den Fokus, die im öffentlichen Bewusstsein eher randständig geblieben ist. „Kammermusik eignet sich nicht für den Starkult“, so Vorsitzender Joachim Nerger. „Hier zählt die Ausgeglichenheit, das Aufeinanderhören und -reagieren.“ Vier Stimmen, die sich gegenseitig Raum geben, ohne dass eine dauerhaft dominiert – ein Prinzip, das Nerger als „Resonanzraum demokratischer Prinzipien“ bezeichnet.

In einer Zeit, in der die Ideale der Demokratie und Druck stehen, setzt die Brahms-Gesellschaft bewusst ein Zeichen für eine Kunstform, die auf Kollektivität und Dialog basiert. „Wir wollten mal keinen Star auszeichnen, sondern einen demokratisch aufgebauten Organismus“, so Nerger. „Hier gibt es keinen Dirigenten, der den Takt vorgibt, keinen Zampano am Pult, auf den alle Blicke fokussiert sind.“ Sir Yehudi Menuhin habe das Streichquartett-Genre als „Europas wohl wichtigsten Beitrag zur Kultur“ bezeichnet. Auch Johann Wolfgang von Goethe sah im Streichquartett mehr als nur Musik und betrachtete es als eine Form der intellektuellen und emotionalen Kommunikation unter vier gleichwertigen Partnern.

„Man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten,
glaubt ihren Discursen etwas abzugewinnen
und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennenzulernen.“ Johann Wolfgang von Goethe

Joachim Nerger und Sarah Reinke freuen sich auf den Brahmspreis 2026. Foto Guballa

Das Mandelring Quartett verkörpere diese Ideale seit nunmehr 43 Jahren. Gegründet wurde das Ensemble im Jahr 1983 von den drei „blutjungen“ Geschwistern Sebastian, Nanette und Bernhard Schmidt und einer befreundeten Bratscher-Schülerin. „Dass ein Ensemble über vier Jahrzehnte in einem derart engen künstlerischen und persönlichen Verbund zusammenbleibt, grenzt in der heutigen, oft volatilen Musikwelt an ein Wunder“, weiß Nerger, der eine Künstleragentur in Hamburg betreibt. „Das Streichquartett wird oft auch als ‚Ehe zu viert‘ bezeichnet“, sagt er, „weil es natürlich im Binnenleben unglaublich viele Konflikte geben kann“. Die vier Musiker müssten ihre künstlerischen Auffassungen und individuellen Eigenheiten immer wieder zusammenbringen, bevor sie die Bühne betreten. Die Geschwister Schmidt sehen in ihrer familiären Nähe jedoch eher einen Vorteil, da sie sich seit ihrer Jugend kennen und künstlerische Prozesse auf einer tiefen Vertrauensbasis führen können.

Die Karriere des Quartetts führte sie von frühen Wettbewerbserfolgen schnell auf die internationalen Podien. Von New York über Peking bis nach Manila haben sie fast jeden Kontinent bereist. Besonders eng ist ihre Verbindung zu Israel, die bereits in ihrer Teenagerzeit mit Tourneen durch Kibbuzim begann. Der Name des Ensembles hat indes einen eher prosaischen Ursprung und leitet sich von einer Straße in Neustadt an der Weinstraße ab, in der das Elternhaus der Geschwister liegt.

Foto Uwe Arens

Künstlerisch hat sich das Mandelring Quartett vor allem als herausragender Brahms-Interpret einen Namen gemacht. Die drei Streichquartette von Johannes Brahms gelten als absolute Meisterwerke der Gattung. „Wie viele Komponisten seiner Zeit hat Brahms immer wieder betont, dass er diesen großen Schatten von Beethoven in seinem Nacken spürt“, erinnert Nerger an den historischen Kontext. Er habe an die zwanzig Entwürfe für Streichquartette vernichtet, bevor er sich durchrang, sie zu veröffentlichen. Er selbst bezeichnete sie als Zangengeburt. Das Mandelring Quartett hat diese Werke nicht nur mehrfach zyklisch aufgeführt, sondern sie auf CD-Einspielungen auch in einen spannenden Kontext gestellt und sie mit Kompositionen unbekannter Zeitgenossen in Beziehung gesetzt. „Eine innovative Herangehensweise, die das Publikum für neue Klänge öffnete.“

Ihre gesellschaftliche Verantwortung nehmen die Musiker auch als Veranstalter wahr. Seit 1997 organisieren sie das Hambacher Musikfest im geschichtsträchtigen Hambacher Schloss. In der Wahl dieses Ortes, der als Gründungsmythos der deutschen Demokratie gilt, spiegele sich auch eine Haltung, die über das rein Musikalische hinausweist. Zudem unterhält das Quartett seit 2010 eine eigene Konzertreihe in der Berliner Philharmonie, was seine exponierte Stellung in der deutschen Musiklandschaft unterstreicht.

Die Preisverleihung wird am 26. September 2026 in der St. Bartholomäus-Kirche in Wesselburen stattfinden. Der Ort ist mit Bedacht gewählt, da der Vater von Johannes Brahms hier seine musikalische Ausbildung erhielt. Neben dem Streichquartett a-Moll op. 51/2 wird das Programm durch das Streichquintett G-Dur op. 111 ergänzt, bei dem der frühere Bratschist Roland Glassl als Gast mitwirkt. Glass war von 1999 bis 2025 Mitglied des Quartetts und ist daher mit seinen ehemaligen drei Kollegen und seinem Bratschen-Nachfolger Andreas Willwohl bestens vertraut. „Das Publikum kann neben der glanzvollen Preisverleihung daher auch einen unvergesslichen Konzertabend erwarten“, verspricht Nerger.

Brahms-Preisverleihung 2026 an das Mandelring Quartett
Samstag, 26. September 2026, 19 Uhr
Einlass ab 18.30 Uhr
St. Bartholomäus Kirche, Wesselburen

Tickets:
Karten: 25,– bis 42,– EUR
Mitglieder der Brahms-Gesellschaft: 22,– bis 38– EUR
Ermäßigungen für Kinder, Studenten und Rollstuhlfahrer ½ Preis
(anschließend kleiner Empfang für alle)
Vorverkauf im Reisebüro Biehl
Online-Tickets: www.brahms-sh.de

Zur Geschichte des Brahms-Preises

Die Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein wurde 1987 von Justus Frantz in Heide, der Stadt von Brahms‘ Vorfahren, mit dem Vorhaben gegründet, das dortige „Brahms-Haus“ komplett zu renovieren und im Bestand zu retten. 1990 wurde das Haus, in dem im 19. Jahrhundert Vorfahren und nahe Verwandte von Brahms gewohnt hatten, feierlich wiedereröffnet. Ab Mitte der Neunziger Jahre wurde die Brahms-Gesellschaft von dem Pianisten Eckart Besch geleitet und nun auch als Konzertgesellschaft langfristig etabliert. 2014 übernahm der Konzert- und Künstlervermittler Joachim Nerger den Vorsitz von ihm.

Seit ihrer Gründung verleiht die Brahms-Gesellschaft einmal im Jahr den Brahms-Preis an renommierte Künstler oder angesehene Institutionen, die sich um das Werk von Johannes Brahms oder auch um die Förderung des musikalischen Nachwuchses auf besondere Weise verdient gemacht haben.

Weitere Informationen unter www.brahms-sh.de.