Anastasia Kobekina: „Musik kennt keine Grenzen“

Die russische Musikerin Anastasia Kobekina (30) zählt zu den spannendsten Cellistinnen ihrer Generation. Beim Schleswig‑Holstein Musik Festival (SHMF) gastiert sie an der Seite von Klarinetten‑Ikone Sabine Meyer und Pianist Kit Armstrong in Marne und Pronstorf.

Anastasia Kobekina. Foto Lusine Pepanyan

Sie haben im vergangenen Jahr den Leonard‑Bernstein‑Award des SHMF erhalten. Wie hat dieser Preis Ihre Karriere beeinflusst?
Der Leonard‑Bernstein‑Award hat mir viele Türen geöffnet. Ich habe durch ihn die Möglichkeit erhalten, mit noch mehr Menschen durch Musik in Verbindung zu treten. Es ist eine große Ehre, einen Preis mit dem Namen von Leonard Bernstein zu bekommen – vor allem von einem so renommierten Festival wie dem SHMF.

Leonard Bernstein stand für Offenheit, Grenzüberschreitungen und musikalische Neugier. Fühlen Sie sich seiner Haltung verbunden?
Absolut! Leonard Bernstein ist eine große Inspiration für mich, weil er viel mehr war als nur ein Musiker. Er war seiner Zeit Gerade heutzutage ist es wichtig, nicht nur ein Instrument perfekt zu spielen, sondern mit dem Publikum zu kommunizieren, neue Programme zu entwickeln und immer wieder etwas Neues zu entdecken und zu gestalten. Diese Herausforderung mag ich sehr.

Beim Marner SHMF-Konzert musizieren Sie mit Sabine Meyer und Kit Armstrong Werke von Beethoven, Brahms und Bernstein. Wie bereiten Sie sich auf ein so vielseitiges Programm vor?
Ich musiziere mit beiden das erste Mal zusammen, daher ist es eine große Ehre, mit beiden auf der Bühne zu stehen. Besonders, weil es eines der letzten Konzerte von Sabine Meyer ist. Mit ihr das Klaviertrio von Beethoven und das Klarinettentrio von Brahms zu spielen wird ganz besonders. Ich freue mich schon sehr auf die gemeinsamen Proben und Auftritte.

Sie sind international gefragt. Was macht das Schleswig‑Holstein Musik Festival für Sie besonders?
Das SHMF ist eines der größten Festivals Europas. Es bietet eine unglaubliche Vielfalt – von Klassik über Jazz bis zu Popmusik. Von Newcomern bis Weltstars. Ich selbst habe das Festival als Teilnehmerin der Meisterkurse kennengelernt und war begeistert, wie viel hier für junge Musikerinnen und Musiker getan wird. Dann wurde ich eingeladen, mein Debüt beim Festival zu spielen und haben schließlich im letzten Jahr den Bernstein Award erhalten. Die innovativen Programme und kreative Konzepte sind schon ein Markenzeichen des Festivals und ich bin jedes Mal von neuem fasziniert, wenn ich das Programm durchblättere. Da ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Sie wechseln mühelos zwischen klassischem Repertoire und zeitgenössischer Musik. Was reizt Sie an dieser Vielfalt?
Man kann nicht immer nur Italienisch oder Japanisch essen – genauso ist es mit Musik. Ich liebe die Abwechslung. Besonders spannend finde ich die Verbindung von Barockmusik und Neuer Musik. In beiden Richtungen gibt es große interpretatorische Freiheit, weil es kaum historische Aufnahmen als Vorbilder gibt.

Im September erscheint Ihr Doppel‑Album „Bach Cello Suites“. Warum haben Sie sich für diese Komposition entschieden?

Die Suiten von Bach sind ein Meilenstein der Cello-Literatur und für mich eine ganz persönliche Reise, denn ich habe sie bereits mit acht Jahren das erste Mal gespielt. Das Album ist wie ein musikalisches Selbstporträt – das spiegelt sich auch auf dem Cover wider, auf dem ich zu sehen bin. Die Werke zeigen meinen inneren Zustand genau in diesem Moment wie auf einem Foto, während sie live natürlich immer anders klingen.
Aber ich möchte meine Zuhörer auch auf diese Reise mitnehmen, denn jeder kann in dieser Einspielung etwas Eigenes entdecken. Das ist die Magie dieser Stücke.

Welche musikalischen Ziele haben Sie sich für die kommenden Jahre gesetzt?
Ein ganz besonderer Höhepunkt wird ein neues Cellokonzert von Bryce Dessner sein, das eigens für mich geschrieben wurde. Außerdem träume ich weiter davon, einmal mit zeitgenössischen Komponisten wie Johnny Greenwood, dem GItarristen von „Radiohead“, zu arbeiten, der schon viele Werke für klassische Orchester geschrieben hat, oder mit Caroline Shaw, von der ich ein großer Fan bin. Musik kennt keine Grenzen.