Der international gefeierte Komponist und Pianist Fazıl Say ist in diesem Jahr Porträtkünstler des Schleswig-Holstein Musikfestival (SHMF) und gibt 17 Konzerte, in denen er sowohl eigene Kompositionen als auch Klavierwerke interpretiert. Im Interview zieht er ein erstes Resümee und gibt Einblicke in sein vielfältiges Schaffen.

Die erste Arbeitsphase mit acht Konzerten liegt hinter Ihnen. Wie ist Ihr Zwischenfazit als Porträtkünstler des SHMF?
Es ist mir eine große Ehre, hier zu sein. Das Schleswig-Holstein Musikfestival ist eines der bekanntesten Festivals mit einem engagierten Publikum, das Integration und Kommunikation lebt. Ich habe bisher acht meiner insgesamt 17 Konzerte gespielt – darunter die Uraufführung meines Mandolinenkonzerts für Avi Avital, ein Höhepunkt für mich. Das Festivalorchester wurde von Nil Venditti dirigiert, und Avi Avital hat das Werk hervorragend uraufgeführt. In den letzten Tagen habe ich Kammermusik mit Sabine Meyer, Asva Fateyeva und dem Goldmund Quartett gespielt sowie mit der Camerata Salzburg und der türkischen Sopranistin Görkem Ezgi – das waren spannende Abende. Ich trete hier sowohl als Interpret am Klavier als auch als Komponist auf. Es macht mir großen Spaß, beide Rollen zu vereinen. Im August stehen dann noch größere Projekte an, etwa ein Rezital mit den Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach in der Elbphilharmonie sowie Konzerte mit renommierten Orchestern wie dem Philharmonia Orchestra London, der Radio Philharmonie des Hessischen Rundfunks und dem Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra.
Sie komponieren Sinfonien, Kammermusik sowie Solowerke und sind selbst als Interpret auf der Bühne. Würden Sie sich als Allround-Künstler bezeichnen?
Ein Komponist muss genau das können. Ich komponiere seit ich fünf Jahre alt bin und habe später Komposition studiert. Ich schreibe für Klavier, Kammermusik, Orchester und vokale Werke. Meine Musik trägt viele türkische Elemente – rhythmisch, folkloristisch, melodisch – und bildet damit eine natürliche Brücke zwischen Ost und West. Dieser kulturelle Dialog ist keine geplante Sache, sondern Teil meines Lebens. Ich habe auch oft klassische Werke wie Mozart oder Bach in türkischen Provinzstädten gespielt, wo viele Menschen diese Musik zum ersten Mal gehört haben.
Was ist Ihnen lieber: Interpret oder Komponist?
Beides gehört für mich untrennbar zusammen. Seit Beginn meines musikalischen Wegs sind Komponieren und Klavierspielen gleichwertige Ausdrucksformen.
Sie verarbeiten auch aktuelle Themen wie in „Gezi Park I“, das die Geschehnisse rund um die gewaltsame Niederschlagung der Proteste im Istanbuler Gezi-Park musikalisch verarbeitet, oder den Klimawandel in Ihrer Musik. Warum ist Ihnen das wichtig?
Ich erzähle in meiner Musik Geschichten und beziehe die Gegenwart mit ein. Musik ist für mich ein Mittel, Bilder und soziale wie philosophische Themen zu vermitteln. Zum Beispiel habe ich in Wesselburen das Klaviertrio „Space Jump“ gespielt, das vom berühmten Sprung Felix Baumgartners aus der Stratosphäre inspiriert ist. Auch das Streichquartett „Divorce“ behandelt ein emotionales, sogar traumatisches Thema. Außerdem komponiere ich Stücke, die Städte wie Istanbul musikalisch porträtieren.
Wie reagieren Sie, wenn andere Musiker Ihre Werke interpretieren? Sind Sie da sehr bestimmend?
Bei Proben arbeite ich eng mit den Orchestern und Dirigenten zusammen. Wenn sie mich fragen, wie ich mir Tempovorgaben oder die Atmosphären vorstelle, gebe ich meine Vorstellungen weiter – das ist die Position des Komponisten. Meine Musik ist lebendig, mit Melodien, Rhythmen und Klangfarben, deshalb ist der Austausch wichtig. Bei meiner „Istanbul-Sinfonie“ ist mir zum Beispiel der besondere Klang eines Satzes wichtig, der die Blaue Moschee beschreibt und als meditativ und innerlich zu spielen ist.
Hatten Sie auch Zeit, Schleswig-Holstein kennenzulernen?
Ich war ja schon früher beim SHMF und kenne viele Städte hier. Einige kleine Orte sehe ich zum ersten Mal, wie heute. Das Wetter hier ist abwechslungsreich und die Natur sehr schön, grün mit einem besonders stimmungsvollen Licht am Himmel. Ich mag den Norden Deutschlands sehr.
Infos über die verbleibenden Konzerte von Fazıl Say gibt es unter www.shmf.de/say