Der Tastenzauberer Martynas Levickis

Er ist einer der Weltbesten an seinem Instrument, das noch immer einen schlechten Ruf hat und für das es nur wenig eigene Musik gibt, der litauische Akkordeonist Martynas Levickis. Mit dem dogma chamber orchestra kommt der 35jährige zum SHMF nach Meldorf und Kiel

Akkordeonist Martynas Zevicki. Foto Stephan-Zwickirsch

Sie gelten, ähnlich wie Avi Avital für die Mandoline, als Botschafter des Akkordeons und möchten das Image des Instruments neu definieren, seine Vielseitigkeit und Dynamik zeigen. Wie schaffen Sie das?

Im Grunde versuche ich das jeden Tag mit jeder neuen Probe, jedem neuen Projekt und jeder neuen Klangfarbe, die ich dem Instrument entlocke. Am wichtigsten sind für mich nach wie vor Konzerte – das ist mein stärkstes Mittel, um den Menschen die vielen Facetten und Farben des Akkordeons näherzubringen. Natürlich sind heutzutage auch Soziale Medien wie YouTube und Spotify wichtige Plattformen, aber für mich steht das Konzert weiterhin an erster Stelle. Wenn ich zurückblicke, denke ich, dass ich meine Mission ganz gut erfülle: Letzte Saison habe ich beispielsweise elf Konzerte in der Elbphilharmonie gespielt, in unterschiedlichen Besetzungen und mit verschiedenen Programmen; davor war ich Artist in Residence bei den Musikfestspielen Mecklenburg-Vorpommern, dieses Jahr bin ich Fokus-Künstler beim Rheingau Festival. Das sind alles wichtige Stationen – für mich als Musiker, aber besonders auch für „mein“ Instrument, dessen Vielseitigkeit ich immer wieder in neuer Form vermitteln möchte.

Was fasziniert Sie persönlich am Akkordeon und wie sind Sie dazu gekommen, es zu spielen?

Ich habe schon mit drei Jahren angefangen, Akkordeon zu spielen. Das war allerdings nicht meine erste Wahl – ich wollte eigentlich Klavier spielen, wie ich es als kleines Kind im Fernsehen gesehen habe. Ich habe dann auf dem Tisch „Klavier gespielt“ und meine Familie hat das bemerkt; mein Vater hat mir schließlich ein Akkordeon geschenkt – quasi als Alternative. Ich hatte Glück, denn der Klavierunterricht in der Schule hat mir nie wirklich gefallen, das Akkordeon hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Beeindruckend finde ich viele Aspekte: Zunächst war es als Kind die Mechanik – ein richtig geheimnisvolles Instrument, bei dem man nicht weiß, was im Inneren vorgeht. Ich wollte es immer auseinandernehmen und verstehen, wie es funktioniert – einmal habe ich das tatsächlich geschafft, habe es aber nie wieder zusammengebaut bekommen! Mit der Zeit fasziniert mich besonders das haptische Gefühl an den Tasten, das Instrument als Ganzes, das man mit dem gesamten Körper spielt, und natürlich ist es letztlich immer der Klang, der mir als Erstes fehlt, wenn ich eine Zeit lang nicht spiele.

Ihr Repertoire reicht von Barock über Tango bis hin zu Minimalmusik. Wie schwierig ist es, ein Repertoire zu entwickeln?

Das originale Akkordeonrepertoire ist begrenzt, und zudem relativ neu – erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich das Instrument zur heutigen Form entwickelt und Komponisten schreiben seither mehr dafür. Das war ein großer Schritt. Aber wenn man als Akkordeonist in der Klassikszene interessant sein will, muss man verschiedene Genres abdecken; ausschließlich zeitgenössische Musik reicht nicht. Ich versuche daher, immer Brücken zwischen unterschiedlichen Stilen zu schlagen und habe keine Angst, auch unterhaltsame oder „poppige“ Musik einzubauen, um jüngere Leute zu erreichen – aber das geht heute auch mit Minimal Music oder klassischen Bearbeitungen. So spiele ich zum Beispiel gerne Werke von Philip Glass, von dem ich auch einiges aufgenommen habe, oder originale Akkordeonmusik des Franzosen Richard Galliano. Ich liebe außerdem Alte Musik und mische gerne Corelli, Vivaldi, Scarlatti oder Bach ins Programm. Mir ist wichtig, wie ich ein Programm gestalte und Dinge kombiniere.

Welche Stücke finden Sie besonders herausfordernd? Sind es eher Transkriptionen oder zeitgenössische Musik?

Für mich ist immer das Herausforderndste, bekannte Werke aus anderen Besetzungen auf meinem Instrument zu präsentieren – da balanciert man oft zwischen Missverständnis und Begeisterung für einen „neuen Klang“. Das berühmte “Adagietto” aus Mahlers 5. Sinfonie zum Beispiel klingt natürlich ganz anders, wenn ich es auf dem Akkordeon spiele. Aber genau das erweitert die Klangwelt des Instruments. Die größte Herausforderung ist es also, bekannte Stücke neu zu interpretieren. Schwere Kost ist manchmal aber auch ausschließlich originale Akkordeonmusik – deshalb bleibe ich meinem Konzept treu, unterschiedliche Genres in einem Programm zu mischen.

Ihr Debütalbum „Martynas“ erreichte vor zwölf Jahren Platz 1 der britischen Charts. Hätten Sie damit gerechnet?

Überhaupt nicht – das ganze Projekt war eine große Überraschung. Ich hatte gerade meinen Abschluss an der Royal Academy of Music in London gemacht und dachte: „So eine Musikschule zu beenden, das ist fast wie ein BWL-Studium – man muss Ideen haben und unternehmerisch denken.“ Gerade als Akkordeonist kann man nicht einfach Orchestermusiker werden, man muss sich selbst verwirklichen. In diesem Moment bekam ich einen Anruf von einem Produzenten, der unbedingt ein Akkordeonalbum machen wollte – er wusste gar nicht, dass ich in London lebe, es war also ein Zufallstreffer. Ein halbes Jahr später war das Album aufgenommen, nochmal ein halbes Jahr danach überraschend auf Platz 1 der Charts. Das war einerseits eine große Anerkennung, aber auch ein riesiger Startschuss für meine Karriere, vor allem in Großbritannien, wo das Akkordeon keine nostalgisch besetzte Tradition hat wie etwa in Deutschland.

Sie haben auch Popsongs von Lady Gaga im Repertoire. Wird es beim Konzert in Meldorf Überraschungen aus Jazz oder Pop geben?

(lacht) Gute Frage – mal sehen! In letzter Zeit habe ich gar nicht mehr so viele Popcover gespielt. Was man aber „Pop“ nennt, ist auch Definitionssache: Ich spiele zum Beispiel Piazzollas „Libertango“, das ist quasi Popmusik für Akkordeonisten. Aber was als Zugabe passiert, ist immer ein kleines Geheimnis.

Wie reagieren die Festivalbesucher auf Sie und das Instrument?

Ich bin sehr dankbar, als Fokus-Künstler oder Artist in Residence meine musikalischen Ideen frei verwirklichen zu dürfen. Besonders in Mecklenburg-Vorpommern war das Publikum 2023 begeisterungsfähig und offen für neue Facetten des Akkordeons. Beim Rheingau Musikfestival hatte ich sogar noch mehr Freiheiten, die Instrumentalmusik in neue Richtungen zu lenken: Zum Beispiel habe ich mit einem Solo-Rezital begonnen, das ein bisschen augenzwinkernd zur historischen Entwicklung des Akkordeons Bezug nimmt, inspiriert von da Vincis Zeichnungen.  Später habe ich mit einem Pariser DJ live zwischen Elektronik und Tango, Minimal und zeitgenössischer Kunst Musik gemacht. Die Flexibilität des Publikums hat mich begeistert: Mal sitzt man regulär im Saal, mal läuft man umher, tanzt und genießt die Kunst ganz frei. Es geht für mich darum, viele Seiten des Akkordeons zeigen zu dürfen – allein, im Duo mit Daniel Hope, mit der Kammerphilharmonie Bremen oder dem Stuttgarter Kammerorchester.

Apropos Daniel Hope. Könnten Sie sich vorstellen, wie er vor zwei Jahren Porträtkünstler beim Schleswig-Holstein Musik Festival zu werden?

Das würde mich sehr freuen! Ich erinnere mich gern an meine ersten Besuche dort vor elf oder zwölf Jahren – vielleicht steht das Akkordeon dort ja irgendwann einmal im Rampenlicht und ich darf dabei sein.

Warum sollte niemand Ihre Konzerte beim Schleswig-Holstein Musik Festival verpassen?

Wer bei einem klassischen Konzert wirklich überrascht werden möchte, sollte unbedingt zu uns kommen! Besonders das Zusammenspiel von Streichern und Akkordeon ist sehr besonders – viele sind erstaunt, wie gut das klanglich harmoniert. Das Zusammenspiel ist flexibel, die Klänge verschmelzen, so dass man fast nicht mehr hört, welches Instrument gerade spielt. Natürlich ist die Reise durch verschiedene Epochen – von Corelli bis Minimal Music – spannend, aber am meisten fasziniert mich die Synthese von Klangfarben zwischen Streichern und Akkordeon.

Akkordeon explosiv

Sa, 9. August, 19.30 Uhr
Casino der Stadtwerke Kiel

So, 10. August, 19.30 Uhr
Meldorfer Dom
Karten unter 0431 23 70 70 und an der Abendkasse